PunarYoga                                                    
 

Nachgedacht & Reingefühlt

Der Geist wird reich durch das, was er empfängt,
das Herz durch das, was es gibt.
(Victor Hugo)

„Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt"
Siddhartha Gautama - Buddha



Heute habe ich das Bedürfniss mal über meine Entscheidung und das Finden von Yoga für mich zu berichten.

Vom Skeptiker zum Yogalehrer: Meine Reise zur inneren Balance

Zu Beginn war ich ein ganz klarer Skeptiker. Yoga? Für mich, einen ehemaligen Leichtathleten, der seine Bestzeiten beim 100-Meter-Lauf jagte und sich auf dem Platz, bei den schweißtreibenden Spielen des Fußballs auspowerte? Unvorstellbar. Yoga schien mir irgendwie zu ruhig, zu „langsam“, zu wenig herausfordernd für meinen Körper, der nach immer neuen sportlichen Höchstleistungen strebte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese langsamen Bewegungen und Dehnungen irgendwie etwas für mich wären. Für mich war das was für Mädchen, aber nicht für echte Kerle.

Doch dann kam der Moment, als mich Rückenschmerzen und körperliche Einschränkungen ein wenig plagent. Ein ständiges Ziehen, besonders nach intensiven Trainingseinheiten, war nicht mehr zu ignorieren. Die langen Stunden auf dem Spielfeld und das ständige Sprinten hatten ihren Tribut gefordert. Es war klar, ich musste etwas ändern, wenn ich weiter sportlich aktiv bleiben wollte. Ich erinnere mich noch wie heute, als ich, am Morgen nach einem Spiel, auf dem Rand meines Bettes saß und überlegte, wie komme ich zu meinen Füssen, um meine Socken anzuziehen. Also entschloss ich mich, es mit Yoga zu versuchen – gegen meine anfängliche Skepsis.

Meine erste Stunde war ein Desaster. Ich hatte keinerlei Geduld mit dem langsamen Tempo, den vielen Atemübungen und den für mich völlig neuen Bewegungen. In meiner ersten Stunde wollte ich ständig aufhören. Warum? Weil ich viel zu sehr in meinem sportlichen Ehrgeiz gefangen war und meine doch teilweise sehr verkürzte Muskulatur es nicht erlaubte die Asanas wie die anderen Teilnehmenden zu praktizieren. Ich wollte sofort die Posen beherrschen, genauso wie die, die schon jahrelange Praxis hinter sich hatten. Was ich aber nicht beachtete, war, dass Yoga nicht darum geht, eine Leistung zu erbringen oder sich zu messen. Und genau das war mein Fehler: Ich wollte zu schnell „erfolgreich“ sein und konnte noch nicht einfach den Moment genießen.

Es gab Tage, an denen ich die Matte am liebsten in die Ecke gefeuert hätte und gehen wollte. Doch irgendetwas hielt mich zurück – vielleicht waren es die sanften, aber tief wirkenden Dehnungen, die meinen Rücken entlasteten. Vielleicht die Momente, in denen ich nach der Stunde plötzlich eine innere Ruhe spürte, die ich so nicht kannte. Stück für Stück merkte ich, dass sich mein Körper veränderte. Die Rückenschmerzen wurden weniger. Ich fühlte mich flexibler, stärker und ausgeglichener. Und dann, nach etwa sechs Monaten, passierte etwas, das ich nie erwartet hatte: Ich spürte, dass Yoga nicht nur etwas für meinen Körper war, sondern auch für meinen Geist.

Ich war angekommen.

Yoga war nicht nur eine körperliche Herausforderung. Es war eine Reise zu mir selbst. Ich begann, mich von meinem ständigen Streben nach Leistung zu lösen und einfach den Moment zu genießen. Die Atemübungen halfen mir, meine Gedanken zu beruhigen, die Hektik des Alltags loszulassen und inneren Frieden zu finden. Mein Körper fühlte sich lebendig, geschmeidig, stärker und voller Energie – und das alles ohne den Druck des Wettkampfs.

Diese Erfahrung veränderte mich. Was als Skepsis begann, entwickelte sich zu einer Leidenschaft, die ich nie für möglich gehalten hätte. Ich wollte nicht nur die Wirkung von Yoga auf mich selbst erleben, sondern auch anderen dabei helfen, ihre eigene Reise zu einem gesünderen und achtsameren Leben zu beginnen.

Ich wollte nicht nur Yoga praktizieren, sondern auch verstehen, wie ich es anderen beibringen konnte. Also machte ich mich auf die Suche nach einer Yogalehrerausbildung. Zwei Jahre lang probierte ich verschiedene Yogastile aus, besuchte viele verschiedene Lehrer und verbrachte Stunden auf der Matte. Aber es fehlte mir noch etwas, meist war es das Herz, das nicht absolut hinter den Erfahrungen und Angeboten stand. Es gab immer wieder das Gefühl, dass das, was ich suchte, irgendwie noch nicht erreicht war.

Dann kam der Wendepunkt – durch einen glücklichen Zufall. Ich fand mich in Salzburg wieder, wo ich zum ersten Mal mit Medical Yoga in Kontakt kam. Ich besuchte eine Stunde, ohne zu wissen, dass es mein Leben verändern würde. Die Klasse war anders als alles, was ich vorher erlebt hatte. Es war eine Mischung aus Yoga und ganz spezifischen Körperarbeitstechniken, die mich sofort ansprachen.

Der Moment der Einsicht und Erkenntnis

Am nächsten Tag hatte ich ein Gastreferat in einem Fortbildungsinstitut. Ich war inmitten meiner Vorbereitungen, als ich mich nach langen Stunden am Schreibtisch erhob – und plötzlich dachte: „Wow, was ist denn heute mit meinem Körper los?“ Ich spürte eine tiefe Wohlbefindlichkeit, eine Ausgeglichenheit, die ich so noch nie erlebt hatte. Es war ein Gefühl, als ob jeder Muskel, jede Faszie in meinem Körper richtig positioniert und entspannt war – eine angenehme, wohltuende Energie, eine Leichtigkeit, die durch meinen ganzen Körper strömte.
Die Asanas, die ich aus meiner bisherigen Yogapraxis kannte, wurden in dieser Yoga-Stunde mit kleinen, aber entscheidenden Anpassungen angesagt. Es war faszinierend, wie durch diese kleinen Veränderungen eine völlig neue Dimension der Wahrnehmung und Erfahrung in mir geweckt wurde. Ich hatte das Gefühl, dass mein Körper nach all den Jahren im Leistungssport und intensiven Trainings endlich „nach Hause“ kam und gebogen war.

Die Entscheidung, Medical Spiraldynamik Yoga zu erlernen

Etwa ein dreiviertel Jahr später kehrte ich nach Salzburg zurück, um erneut eine Stunde Medical Yoga zu besuchen. Wieder erlebte ich diesen gleichen Effekt – der Körper fühlte sich auf eine Weise lebendig und ausgeglichen an, wie ich es nie zuvor kannte. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass diese Art von Yoga genau das war, was ich nicht nur selbst für mich, sondern auch als Yogalehrer weitergeben wollte. Es war für mich die perfekte Kombination aus präziser Körperarbeit, Achtsamkeit und gesundheitlicher Prävention.
Die Ausbildung und der Weg zum Lehrer

Ich war fest entschlossen, dieses Wissen zu vertiefen. So begann ich meine Reise in die Yogalehrerausbildung und absolvierte insgesamt mehr als 200 Stunden an intensiven Ausbildungseinheiten, gefolgt von einer weiteren 300+ Stunden-Ausbildung, die mir tiefgehende Einblicke in die medizinischen und therapeutischen Aspekte von Yoga gab. Doch ich wollte mehr – also entschloss ich mich, die Spiraldynamik Ausbildung als Fachkraft Intermediate zu absolvieren, um ein noch tieferes Verständnis für die korrekte Ausrichtung des Körpers zu entwickeln.

Inzwischen freue ich mich, als ausgebildeter Yogalehrer meine eigene Praxis und Kurse anzubieten, die auf den Prinzipien von Medical Yoga und Spiraldynamik basieren. Mein Ziel ist es, anderen zu helfen, die wohltuende Wirkung von Yoga zu erleben – gerade nicht als eine sportliche Herausforderung, sondern als einen Weg zu mehr Gesundheit, Balance und Selbstwahrnehmung.

Die Reise, die mit Zweifeln und Skepsis begann, hat mich zu einem neuen Verständnis von Yoga geführt – einem Verständnis, das den Körper heilt, den Geist beruhigt und die Seele auf eine ganzheitliche Weise anspricht. Heute kann ich mit Überzeugung sagen: Yoga ist der Schlüssel zu einem gesunden und erfüllten Leben. Und ich freue mich, dieses Wissen mit anderen zu teilen.

Heute bin ich selbst Yogalehrer. Ich begleite Menschen auf ihrem eigenen Weg, ihnen zu zeigen, wie Yoga nicht nur den Körper stärkt, sondern auch den Geist. Ich habe gelernt, dass Yoga nicht der Wettkampf ist, den ich ursprünglich erwartet hatte, sondern eine Reise, die den Körper und die Seele heilt. Es geht darum, sich selbst zu spüren, sich zu akzeptieren und in den Moment einzutauchen – ohne Erwartungen, ohne Druck. Jeder Körper hat seine eigenen Grenzen, seine eigene Geschichte und Erlebnisse, so dass jeder „sein“ Yoga praktiziert und ich dabei helfen kann, den richtigen Weg zu gehen. Nach jedem Yogaunterricht spüre ich, wie ich voller Energie und Freude aus den Stunden gehe.

Und wenn ich heute auf der Matte stehe, dann weiß ich, dass jeder Atemzug und jede Bewegung Teil einer viel größeren Reise ist – der Reise zu mir selbst und zu einem Leben in Balance.

Vom Mut zu zweifeln - Paolo Coelho

Als Autor eines Buches, das in einer psychiatrischen Anstalt spielt und sich mit Verrücktheit befasst, musste ich mich mit der Frage auseinandersetzen, wie viel von dem, was wir täglich ganz selbstverständlich tun, richtig und notwendig, wie viel aber auch absurd ist. Tatsächlich entbehren viele Regeln, die wir befolgen, jeglicher Grundlage. Dennoch werden wir, wenn wir ihnen zuwiderhandeln, für „verrückt“ oder „unreif“ gehalten. Die Gesellschaft hat Regeln geschaffen, die im Laufe der Zeit zwar ihre Daseinsberechtigung verloren haben, trotzdem aber immer noch gültig sind. Eine Geschichte aus Japan illustriert, was ich meine.
Ein großer Meister des Zen-Buddhismus und Vorsteher des Klosters Mayu Kagi hatte eine Katze, die er über alles liebte. Die Katze wich nicht von seiner Seite, selbst im Meditationsunterricht nicht. Eines Morgens wurde der Meister, der schon sehr alt gewesen war, tot aufgefunden. Sein bester Schüler trat an seiner Stelle. „Was machen wir mit der Katze?“, fragten die anderen Mönche. Um seinen Lehrer zu ehren, beschloss der neue Meister, die Katze weiterhin an den Unterrichtsstunden teilnehmen zu lassen. Als Zen-Schüler der umliegenden Klöster das berühmte Mayu Kagi besuchten und sahen, dass dort eine Katze an den Meditationen teilnahm, machte die Geschichte im ganzen Land die Runde.
Als nach vielen Jahren die Katze starb, hatten sich die Klosterschüler so sehr an ihre Anwesenheit gewöhnt, dass sie sich eine neue Katze anschaffen. Auch andere Klöster begannen, Katzen an ihren Meditationen teilhaben zu lassen. Sie glaubten, die Katze sei der wahre Grund für den Ruhm des Unterrichts in Mayu Kagi. Sie vergaßen darüber, dass der alte Meister ein hervorragender Lehrer gewesen war.
Eine Generation später wurden Schriften über die Bedeutung von Katzen bei der Meditation publiziert. Ein Universitätsprofessor entwickelte gar die in der akademischen Welt bald anerkannte These, dass Katzen die Fähigkeit besäßen, die menschliche Konzentration zu erhöhen und negative Energien fernzuhalten.


„Wenn das Herz auf Reisen geht“

Die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf (1858-1940) verlieh ihrem kleinen Helden Nils Holgerson Flügel – sie sorgte damit für eine literarische Revolution und bekam als erste Frau den Nobelpreis für Literatur. Denn mit ihrem besonderen Blick auf die Menschen lehrte sie uns immens viel über das Leben.

Ein Buch über Schweden soll sie schreiben – doch will ihr nichts Rechtes einfallen. Schließlich kehrt sie auf der Suche nach Inspiration nach vielen Jahren zum Anwesen ihrer Kindertage zurück. Das Gut Marbacka in Värmland gehört mittlerweile Fremden, doch mit jedem Schritt, den sie sich dem Gebäude nähert, fallen ihr immer neue Begebenheiten ihrer Kindheit ein: die Ernte, Feste, die schere Arbeit, die Volkslieder, die man damals sang. Plötzlich vernimmt sie Schreie und bemerkt einen Knirps, der nicht größer sein kann, als eine Hand breit ist, und der sich gegen einen viel größeren hungrigen Waldkauz zur Wehr setzt. Sie verjagt den Vogel, und der winzige Junge erzählt ihr zum Dank von seinen Abenteuern: „Nein, was für ein Glück, jemanden zu treffen, der auf einem Gänserücken durch ganz Schweden gereist ist!“, dachte sie. „Genau das, was er erzählt, werde ich in meinem Buch schreiben. Jetzt muss ich mich deswegen nicht mehr sorgen. Wie gut es war, dass ich nach Hause gefahren bin. Man stelle sich vor, dass mir Hilfe zuteil wurde, sobald ich zum alten Hof kam!“

Natürlich hat es diese Begegnung zwischen der Frau und dem Knirps im realen Leben niemals gegeben. Und doch verknüpft die Autorin dieser Zeilen auf ganz wundersame Weise Fakt mit Fiktion. Denn Marbacka ist ein realer Ort, ihr Elternhaus, das zeitlebens ihre Seelenheimat bleiben wird. Und das Buch, dem diese Zeilen entstammen, „Nils Holgersons wunderbare Reise durch Schweden“, wird Selma Lagerlöf für alle Zeiten unsterblich machen. Bis heute ist es ungewöhnlich, dass ein Autor sich selbst in sein Werk integriert, zu einer handelnden Person macht – im Jahr 1905, als Nils Holgerson veröffentlicht wird – ist dies einer der vielen sensationellen Kunstgriffe des Buches. Ein weiterer ist, dass Selma Lagerlöf den Leser zusammen mit ihrem in einen Winzling verwandelten Helden förmlich in die Lüfte erhebt, ihn ganz neue, ungeahnte Perspektiven vermittelt.

In einer Zeit, in der Menschen es erstmals wagen, sich mit Flugmaschinen in die Lüfte zu schrauben – in Amerika hatten die Brüder Wright gerade die Ära des Motorfluges begründet – ist es für Selma Lagerlöf das Selbstverständlichste der Welt, ein Land – ihr Land – von oben zu betrachten, über seine Landschaften und Städte zu fliegen. Etwas das man damals höchstens im Traum für möglich gehalten hätte, lässt die Frau ihren Helden tun. Und bedenkt man, dass der Ursprungsgedanke hinter „Nils Holgerson“ ein ganz pragmatischer ist, nämlich ein Heimatkindebuch für schwedische Schulkinder zu verfassen, erscheint und Lagerlöfs Roman umso kühner und wunderbarer. Fügt sich jedoch ganz logisch in die Lebensanschauung einer Frau ein, die gegen den Willen ihres Vaters eine Lehrerausbildung macht, sich jedoch stets weigert, Lehrpläne zu befolgen oder ihren Schülern Prüfungen abzunehmen. Wie könnte eine solche Frau ein Schulbuch anders verfassen, als die eigentlich trockene Materie in ein spannendes Abenteuer zu verwandeln?

Dabei deutet erst einmal nicht im frühen Leben dieser Frau darauf hin, dass sie dereinst als erste Frau den Literaturnobelpreis entgegennehmen wird. Im Gegenteil. Wer als Mädchen Mitte des 19. Jahrhunderts im ländlichen Schweden aufwächst, hat zwei Möglichkeiten: zu heiraten und sein Leben ausschließlich der Familie zu widmen. Oder einen der wenigen Berufe zu ergreifen, die für Frauen als ehrbar erachtet werden. Selma Lagerlöf wählte Letzteres – die einzige halbwegs akademische Ausbildung, die einer Frau in Schweden damals möglich ist, ist die der Lehrerin. In einem Brief an ihre Freundin Sophie Elkan schreib sie später: „Irgendwann einmal würde die Familie eine echte Begabung hervorbringen. Ich möchte annehmen, dass ich da bin, denn es ist nötig, dass man an sich selbst glaubt, Denk Dir, dass ich das von mir geglaubt habe, seit ich acht Jahre alt war. Das war das Zentrale in meinem Leben, und nicht Liebe oder ein Zuhause wie für andere Frauen.“

Selma weiß früh, dass sei für die Ehe nicht gemacht ist. Diese Überzeugung hat ihren Ursprung vielleicht auch in einem Hüftschaden, an dem sie seit ihrer Geburt leidet und der Selma zeitweilig sogar lähmt. Ihr ganzes Leben lang wird sie sich etwas steif und statisch voranbewegen. „Diese Behinderung“, sagt sie, „hat mich gezwungen, stillzusitzen und in mich hineinzuschauen, und das ist der Grund warum ich Schriftstellerin wurde. Wäre ich gesund gewesen, hätte ich wohl irgendeinen Fabrikverwalter heiraten müssen.“

Wie um den Mangel an Beweglichkeit wettzumachen, entwickelte Selma schon früh ein tiefes Gespür für die Traditionen ihrer Heimat: Die Geschichten und Legenden, die direkt der wilden, weiten Natur Schwedens zu entstammen scheinen und denen sie als Kind gebannt lauscht. Ihre Großmutter gilt als erstklassige Geschichtenerzählerin „Ich erinnere mich, dass sei immer ihre Hand auf meinen Kopf legte, wenn sie ein Märchen erzählt hatte, und sagte: Und all das ist so wahr, wie ich Dich sehe und du mich siehst.“

Poesie über harte Felsen
Es ist diese Unbedingtheit, das Erzählte in Realität anzusehen, die so selbstverständlich ist wie Schwedens Wälder und Winterkälte, die die junge Selma tief bewegt und ihr Fühlen und Denken in Bahnen lenkt, die ihr ganzes Leben bestimmen werden.

Viel später, an einem Dezembertag 1909, wird sie darüber eine Rede halten – am Tag, als ihr der Literaturnobelpreis überreicht wird. Dann wird sie von der Zugfahrt zur Zeremonie nach Stockholm erzählt, während der das monotone Rattern der Räder sie in einen Tagtraum versetzt hat. Plötzlich ist da ihr Vater, der 24 Jahre zuvor gestorben war und der Familie ein heruntergewirtschaftetes Gut hinterließ, das schließlich an Fremde verkauft werden musste. Doch nicht Vorwürfe wegen des Verlustes des geliebten Marbacka bestimmten den Traum-Dialog, der auf dieser Reise zwischen Vater und Tochter geführt wird. Denn Erik Gustav Lagerlöf sollte auch derjenige sein, der seinen Kindern – Selma ist das zweitjüngste von fünf Geschwistern – alte Lieder vorsingt und sie die Liebe zur Heimat lehrt. Es sind als ihre schwedischen Wurzeln und der bäuerliche Volksglaube, denen sie das alles verdankt, was ihr nun den Nobelpreis einbringt – und genau das formuliert sie ihrem toten Vater gegenüber: „Denk nur an all diese armen heimatlosen Kavaliere, die in Deiner Jugend in Värmland umherzogen und Karten spielten und Lieder sangen. Wie viele tolle Abenteuer und Einfälle und Schmerz schulde ich ihnen! Und denk an all die Alten, die in kleinen grauen Hütten am Waldsaum saßen und von Nöck und Troll und von verzauberten Jungfrauen erzählten, die im Berg gefangen säßen. Die haben mich gelehrt, wie man über harte Felsen und schwarzen Wäldern Poesie ausbreiten kann.“

Es sind die uralten Motive, die Selma Lagerlöf mit ihrem ureigenen, einzigartigen Verständnis für das, was die Menschen bewegt, kombiniert. Selma Lagerlöf gelingt das Kunststück, von Äußerlichkeiten auf einen tieferen Inhalt zu schließen. Was für dein einen nicht mehr als Fantasie und Abenteuerhaltung, ist für Lagerlöf Teil einer Weltanschauung, eins Menschenbildes, traditionsverbunden und zukunftsorientiert zugleich. Keine andere schwedische Schriftstellerin ist ihr auf diesem Weg vorausgegangen. Selma Lagerlöf beschreitet Neuland, einzig getrieben von dem unbändigen Wunsch, einen eigenen Beitrag, eine eigene Spur im Kosmos der Geschichte ihres Landes zu hinterlassen. „Gösta Berling“ ist ihr erster Roman, den sie neben der Arbeit als Lehrerin verfasst und 1891 veröffentlicht. Die Geschichte handelt vom trunksüchtigen Pfarrer Gösta Berling, der erst durch die Liebe einer Frau geläutert wird. In so einfache wie lyrischen Worten beschreibt sie die wundersame Wandlung, die diese Persönlichkeit durchmacht. Der Roman macht Selma Lagerlöf in ganz Schweden bekannt. Einige Kritiker belächeln sie als Märchenerzählerin, weil sie die Handlung ihrer Geschichte mit regionalen Mythen, klassischen Legenden und romantischen Schilderungen versetzt. Dich hinter der scheinbaren Trivialität verbergen Selma Lagerlöfs Charaktere allesamt hochkomplexe Persönlichkeiten, die sich erst aus tiefer Schuld und Not befreien müssen, um zu einem guten Leben zu finden. „Gösta Berling“ begründet Lagerlöfs Ruf als Autorin, weil sie etwas ganz Neues in die schwedische Literatur bringt: Eine einfache, leicht verständliche Sprache, die kunstvoll verwoben ist mit dem Schatz uralter Überlieferungen. Doch erst der Auftrag der Schulbehörde, ein längst überholtes Lesebuch über Schweden durch ein modernes zu ersetzen, bringt die Schriftstellerin dazu, mit sämtlichen literarischen Konventionen zu brechen: Denn dadurch, dass sie ihr geliebtes Land von oben aus der Sicht der Wildgänse, die etwa 1000 Meter über dem Boden fliegen, betrachtet, hebt Selma Lagerlöf sämtliche Grenzen der Perspektive auf: Wir sind nicht länger Teil der Landschaft, sondern können bis zum Horizont blicken – damit verspricht Selma Lagerlöf und nicht weniger als die Unendlichkeit.

Die Sicht des Winzlings
Die Unendlichkeit der Möglichkeiten, die wir im Leben haben. Die Vielzahl von Wandlungen, der Veränderung, der wechselnden Anschauungen, die jeder Mensch durchleben kann, bis er zu dem Schluss kommt: Ja, ich habe jederzeit die Chance, mein Leben zu ändern, selbst wenn Konventionen oder äußere Zwänge dagegen sprechen. Es ist letztlich auch die Suche nach Identität, die Selma Lagerlöf stets angetrieben hat. „Wer mit sich selbst in Frieden leben will, muss sich so akzeptieren, er ist“, sagte sie einmal – ein auf den ersten Blick simpler Satz, der jedoch sehr viel aussagt über die Notwendigkeit, die eigene Vergangenheit, die eigenen Traditionen zu akzeptieren, um die Möglichkeit zu haben, sei in einem größeren Kontext zu setzen und letztlich Zufriedenheit zu erlangen. Der Junge Nils Holgersson muss erst winzig werden, um neue Dimensionen des Seins zu entdecken. Plötzlich ist er fähig, mit Tieren, der er bislang nur gequält hatte, zu kommunizieren ´, sie gleich in mehrfacher Hinsicht zu verstehen, und er ist gezwungen, sich ihnen unterzuordnen. Aus der Luft erkennt er die Zusammenhänge, die die menschliche Gesellschaft prägen: die Schönheit der Landschaft, aber auch die Bahnlinien, die die Wälder durchkreuzen, Industriestädte miteinander verbinden, die Kriege Schwedens, seine Landwirtschaft, seinen Bergbau, seine Schifffahrt – nichts wird beschönigt oder idealisiert. Selbst der Tod wird bei Nils Holgersson nicht ausgeklammert. Und letztendlich erzählt dieser Roman der mehr Kunstwerk als Schulbuch ist und in 40 Sprachen übersetzt wurde, auch von der größten Lektion, die ein Bauernjunge wie Nils überhaupt lernen kann: die Lektion über die Freundschaft und die Liebe, die unsere stärkste Antriebsfeder ist. Denn nur sie macht den Menschen zu dem, was er ist. Am Ende, als Nils Holgersson schließlich wieder in seine Ursprungsgröße zurückverwandelt ist, hat er nichts mehr mit dem Kind gemein, das einst mit den Gänsen zu seiner Reise aufgebrochen war: „Als er oben auf der Uferböschung ankam, wandte er sich um und betrachtete die vielen Vogelscharen, die auf das Meer hinaus flogen. Alle schrien ihre Lockrufe, nur eine Wildgansschar flog stumm davon … und der Junge spürte eine solche Sehnsucht nach dem Davonfliegen, dass er fast wünschte, er wäre wieder Däumling, der mit einer Wildgansschar über Land und Meer fliegen könnte.“

Die größte Sehnsucht seiner Erschafferin hat Nils Holgersson wahr gemacht. Mit dem Geld, das ihr der phänomenale Erfolg des Buches einbringt, kann sie Marbacka zurückkaufen, später auch alle Ländereien darum herum. Es war also tatsächlich, wie sie selbst in ihrem berühmten Roman schreibt, ein großes Glück, auf einen solchen Wichtel zu treffen.

(aus „Happinez“ von Astrid Kessler – Bauer Premium KG)

Als Autor eines Buches, das in einer psychiatrischen Anstalt spielt und sich mit Verrücktheit befasst, musste ich mich mit der Frage auseinandersetzen, wie viel von dem, was wir täglich ganz selbstverständlich tun, richtig und notwendig, wie viel aber auch absurd ist. Tatsächlich entbehren viele Regeln, die wir befolgen, jeglicher Grundlage. Dennoch werden wir, wenn wir ihnen zuwiderhandeln, für „verrückt“ oder „unreif“ gehalten. Die Gesellschaft hat Regeln geschaffen, die im Laufe der Zeit zwar ihre Daseinsberechtigung verloren haben, trotzdem aber immer noch gültig sind. Eine Geschichte aus Japan illustriert, was ich meine.

Ein großer Meister des Zen-Buddhismus und Vorsteher des Klosters Mayu Kagi hatte eine Katze, die er über alles liebte. Die Katze wich nicht von seiner Seite, selbst im Meditationsunterricht nicht. Eines Morgens wurde der Meister, der schon sehr alt gewesen war, tot aufgefunden. Sein bester Schüler trat an seiner Stelle. „Was machen wir mit der Katze?“, fragten die anderen Mönche. Um seinen Lehrer zu ehren, beschloss der neue Meister, die Katze weiterhin an den Unterrichtsstunden teilnehmen zu lassen. Als Zen-Schüler der umliegenden Klöster das berühmte Mayu Kagi besuchten und sahen, dass dort eine Katze an den Meditationen teilnahm, machte die Geschichte im ganzen Land die Runde.

Als nach vielen Jahren die Katze starb, hatten sich die Klosterschüler so sehr an ihre Anwesenheit gewöhnt, dass sie sich eine neue Katze anschaffen. Auch andere Klöster begannen, Katzen an ihren Meditationen teilhaben zu lassen. Sie glaubten, die Katze sei der wahre Grund für den Ruhm des Unterrichts in Mayu Kagi. Sie vergaßen darüber, dass der alte Meister ein hervorragender Lehrer gewesen war.

Eine Generation später wurden Schriften über die Bedeutung von Katzen bei der Meditation publiziert. Ein Universitätsprofessor entwickelte gar die in der akademischen Welt bald anerkannte These, dass Katzen die Fähigkeit besäßen, die menschliche Konzentration zu erhöhen und negative Energien fernzuhalten.

von Paulo Coelho

Der Spiegeltempel

Vor langer Zeit stand in Indien ein Tempel mit unzähligen Spiegeln im Innenraum. Über tausend sollten es sein, sagten die Leute. Zufällig streunte eines Tages ein großer Hund um den Tempel und bemerkte die geöffnete Tür. Da kein Mensch in der Nähe war, schlich er sich in den Innenraum. Hunde wissen natürlich nicht, was Spiegel sind, und deshalb erschrak er sehr, als er sich plötzlich von unzähligen anderen Hunden umgeben sah. In seinem Schreck begann er die Zähne zu fletschen. Die anderen Hunde taten es ihm gleich, uns so sah sich der verängstigte Hund unzähligen zähnefletschenden Hunden gegenüber. So etwas hatte er noch nie erlebt. So schnell er konnte lief er aus dem Tempel und versteckte sich im nächsten Gebüsch. Dieses schreckliche Erlebnis prägte den Hund für immer. Fortan mied er alle anderen Hunde in der tiefen Überzeugung, dass sie ihm feindlich gesinnt waren. Die Welt war für ihn ein bedrohlicher Ort geworden, von dem er sich so weit wie möglich zurückzog.

Verbittert und verunsichert verbrachte er seine Tage in Einsamkeit bis zu seinem Lebensende.

Wie es der Zufall wollte, kam einige Wochen später ein junger Hund am Spiegeltempel vorbei. Auch dieses Mal befand sich kein Mensch in der Nähe, und der Hund spazierte durch die offene Tür. Natürlich musste auch er nicht, was Spiegel sind, und sah sich ebenfalls sofort von unzähligen Hunden umgeben, als er den Innenraum betreten hatte. Leicht verwirrt begann der Hund zu lächeln und blickte umgehend in freundlich lächelnde Hundegesichter. Erfreut wedelte er daraufhin mit seinem Schwanz und die unzähligen anderen Hunde taten es ihm nach. Die Fröhlichkeit des Hundes wuchs von Minute zu Minute. So etwas hatte noch nie erlebt, so viele froh gesinnte Hunde, die ihn offensichtlich freudig begrüßten. Lange bleib er bei den vielen Hunden, bis er Schritte hörte und den Tempel schnell verließ. Diese Erfahrung vergaß der junge Hund nicht mehr. Er war fest davon überzeugt, dass ich alle anderen Hunde freundlich gesinnt waren, und suchte ihren Kontakt. Die Welt war für ihn ein freundlicher Ort. Zusammen mit anderen Hunden lebte er glücklich bis an sein Lebensende.

(aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers“ von Ilona Daiker u. Michael Eppinger – GU Verlag)


Wie siehst Du Deinne Umwelt und die Menschen die dir begegnen? Man hört ja auch immer wieder, dass die Menschen die dir begegnen wie Spiegel für Dich sein können. Wie oft hilft ein Lächeln, oder ein freundliches Wort, um eine Situation in eine ganz andere, freundliche Richtung zu lenken?

Manchmal muss es aber auch sein, dass man präsent ist und jemanden sein Empfinden mitteilt, oder der Person sein Fehlverhalten zeigt. Doch auch hier zeigt sich, ob das wohlwollend und aus Eigenschutz passiert, oder einfach nur verletztend ist. Sich auf der Ebene von Erwachsenen zu begegnen ist hier unabdingbar. Sobald die "inneren Kinder" aufeinandertreffen, ist eine klare und bewusste Lösung einer Situation fast nicht mehr möglich.

Ich war heute in einer kleinen Bäckerei mit Tante-Emma Laden und Kaffee. Da musste ich am Heimweg an einen Satz denken, den ich kürzlich in Österreich in einem Biergarten gehört habe. "Irgendwie gehen hier die Gäste viel herzlicher und freundlicher mit den Bedienungen um."

Wie gehen mir mit Menschen um, die sich am Sonntag hinstellen und für uns da sind? Bedienungen - die uns ja irgendwie dienen, sich in den Dienst anderer stellen, damit wir am Sonntag frische Brötchen bekommen, oder schöne Frühstücken können.

Menschen, die sich in den Dienst anderer Menschen stellen, werden oft nicht wirklich Wert geschätzt. Doch wer sich für einen Beruf entscheidet, in dem er für den Menschen da ist, hat vielleicht mehr Größe als so manch anderer, denn nicht jeder hat den Mut dies zu tun. Vor allem weil wir in unserer Gesellschaft diesen Berufen nicht wirklich Achtung entgegenbringen. Auch wird man davon sicher nicht reich und wohlhabend, aber man kann seinen Lebensunterhalt bestreiten und glücklich sein.

So habe ich wie üblich einen schönen Sonntag mit angenehmer Kundschaft gewunschen. Habe mir aber dann, am Heimweg gedacht, und Kundschaft die eure Tätigkeit zu schätzen weiß. Wie schön ist es, zu wissen, dass es Menschen gibt, die für andere da sind, in welcher Branche auch immer. Schenken wir ihnen die nötige Anerkennung und wenn es auch nur unsere Freude über sie ist, die wir ihnen zeigen. Auch wenn sie sagen, davon kann ich mir auch nichts kaufen. Die Glücklichen macht es noch glücklicher und zeigt ihnen, dass sie wertvoll sind. Und wer möchte kann ja auch das Trinkgeld der Sonntagsarbeit anpassen.

Und ja, ich habe keine Ahnung wie es wirklich ist, es sind meine ganz persönlichen Gedanken.

Die 7 Geheimnisse der Schildkröte (Kurma)

Im Großen und Ganzen gibt es eigentlich nur eines, was Kurma Sie wirklich lehren kann: die Kunst des Nichtstuns. Sie können lernen, wie Sie sich zurückziehen, Ihre Kräfte sammeln und die Ruhe bewahren – und nicht sher viel mehr.
Vielleicht erscheint es Ihnen ja nicht besonders lohnenswert, einmal ganz und gar nichts zu tun, zu nichts nütze zu sein oder sogar völlig im „Nichts“ zu verschwinden (und sei es auch nur für eine gewisse Zeit). Jedoch: Nicht alles, was auf den ersten Blick lohnenswert erscheint, ist es am Ende auch. Umgekehrt ist vieles, was einem erst einmal belanglos vorkommen mag, oft mehr als ein Sechser im Lotto.
Die Kinst, in sich selbst zu Hause zu sein, beherrschen heute nur noch wenige. Doch mit jedem Moment, in dem Sie sich in sich selbst zurückziehen und Ihren Geist zur Ruhe bringen, öffnen Sie Stück für Stück eine Tür, die zu mehr Geborgenheit und Zufriedenheit führt. Gerade in Krisenzeiten, wenn Sie mit Ihrem Latein am Ende scheinen, kann das sehr hilfreich sein. Dann ist es oft am besten, den Dingen ihren Lauf zu lassen und darauf zu vertrauen, dass die Lösung nicht von außen, sondern von innen kommen wird.

Falls Sie sich in einigen der folgenden Aussagen wieder erkennen, lohnt es sich für Sie ganz besonders, sich mit dem Sieben Geheimnissen der Schildkröte zu beschäftigen:
• Ich möchte lernen, Geborgenheit, Sicherheit und Ruhe in mir selbst zu finden.
• Ich glaube, ich habe die Orientierung verloren. Ich weiß längst nicht mehr genau, wie mein Weg aussieht und welche Ziele sich für mich wirklich lohnen.
• Ich neige zu Ängstlichkeit und mache mir oft Sorgen über alles Mögliche.
• Die tägliche Hektik geht mir auf die Nerven. Ich bin oft unruhig und reagier leicht gereizt.
• Ich wurde in meinem Leben oft enttäuscht und manchmal sogar richtig verletzt.
• Ich bin unzufrieden – mit mir selbst, meinem Aussehen, meinen Leistungen, im Grunde mit meinem ganzen Leben.
• Ich bin nicht wirklich glücklich – und irgendwie glaube ich doch fest daran, dass ich es sein sollte und sein kann.

Kurma kann Ihnen weder beibringen, wie man Fahrradreifen flickt, noch wie man ein Sternzeichen richtig deutet, wie man mehr und schneller Geld verdient oder zum perfekten Zeitmanager wird. Auch wenn Kurmas Einsichten Ihnen dabei helfen dürfen, bei allem die Nerven zu bewahren, geht es doch um etwas anderes: Schildkröten wissen sehr genau, wie man sich schützt und wann es wichtig ist, sich zurückzuziehen – immerhin konnten sie durch über Jahrmillionen überleben.
Ebenso wie Schildkröten, haben auch wir Feinde – wenn auch eher innere als äußere: Raubmöwen werden uns schon mal nicht zur Gefahr. Mord und Totschlag sind gottlob auch eher selten, und die Befürchtung, irgendwann einmal als Delikatesse auf einem Teller zu landen, können wir (im Gegensatz zu Schildkröten) ebenfalls getrost fallen lassen. Doch es gibt andere Gefahren, und die bedrohen nicht so sehr unser äußeres als vielmehr unser inneres Leben. Diese Gefahren können wir auch als Hindernisse bezeichnen – Hindernisse, die uns davon abhalten, glücklicher, heiter und entspannt zu leben. 

Auf kurz oder lang können sie uns sogar krank machen und dann zu einer realen Gefahr für Leib und Leben werden. Zu diesen Hindernissen gehören:

• Ängste und Sorgen, die mit Geld, Gesundheit, Umwelt, unserer Karriere, unserer Zukunft, komplizierten Partnern, schwierigen Kindern oder ekelhaften Kollegen zusammenhängen.
• Selbstverurteilung und Schuldgefühle
• Stress Hektik in einer sich immer schneller drehenden Welt, Zügen, die von DSL-Anschlüssen, ICE-Zügen, unendlich vielen langweiligen Fernsehprogrammen, Handys und einer wahren Flut von Reizen geprägt ist, denen wir täglich ausgeliefert sind.
• Unzufriedenheit, Neid, Habgier oder die Sucht nach Erfolg, Sex oder Alkohol und anderen Substanzen.
• Tägliche Ärgernisse wie Autofahrer, die auf der Autobahn drängeln, Nachbarshunde, die die ganze Nacht bellen, oder Tomatensoßen, die im Topf anbrennen.

Kurmas vier befreiende Einsichten
1. Jeder von und ist der Suche nach Glück – ob er das nun weiß oder nicht
2. Die meisten suchen ihr Glück in äußeren Dingen, und machen dabei oft bittere Erfahrungen
3. Die Tür zum Glück geht nach innen auf.
4. Frieden und Geborgenheit können wir nur in uns selbst finden. Doch auch wenn es nur ein Innen gibt, gibt es doch viele Pfade, die hineinführen.

(aus Die 7 Geheimnisse der Schildkröte von Aljoscha Long/Ronald Schweppe – Heyne Verlag)

Positives Leben - negatives Leben - eine eigene Entscheidung?

Das Ende der letzten Woche war sehr emotional für mich. Es war sicher nicht einfach und keine besonders schöne Zeit. Und durch Reibungen entsteht Abrieb bei allen Seiten, es geht keiner ohne einen gewissen Verlust aus einem Konflikt heraus.  Aber es entsteht auch Energie, die man nutzen kann.  Ich habe mir nun fast das ganze Wochenende darüber Gedanken gemacht.  Zuerst habe ich mich geärgert, dass mir diese Gedanken das Wochenende zur Entspannung rauben. Nun konnte ich aber feststellen, dass ich dadurch wieder einmal die Gelegenheit bekam, zu wachsen und mich weiter zu entwickeln.

Ich habe festgestellt, ich kann noch mehr lernen loszulassen. Dass es zwei Wege gibt, um Erleuchtung zu erlangen ist mir ja bekannt. Ich will aber gar nicht von Erleuchtung reden, denn ob ich das in diesem Leben noch erreiche weiß ich nicht, ob ich es überhaupt irgendwann erreichen werde, ist auch ungewiss. Was aber gewiss ist, dass ich mich in Achtsamkeit weiter entwickeln kann.

Der Weg des Buddha war steinig und hart, Verzicht auf Geld, Ansehen und Luxus. Hingegen Selbstkasteiung, Entbehrung und Leid, fast bis zum Tod, waren sein Weg zur Erleuchtung.  Im Gegensatz dazu ging Pantanjali einen Weg der Freude, Erfüllung in Achtsamkeit auf sein Tun und Handeln und gelangte auf diesem sanften und friedlichen Weg zu den gleichen Erkenntnissen des Buddha.

So gibt es auch Menschen, bei denen hat man das Gefühl ihnen fliegt alles zu und es läuft immer alles bestens. Dass das sicher nicht so ist, davon können wir ausgehen. Nur tragen sie ihre grauen Tage nicht zu schau und nehmen sie als gegeben hin. Somit vergehen diese Tage auch wieder und am nächsten Tag scheint auch schon wieder die Sonne. Diese Menschen legen ihr Augenmerk und ihre Aufmerksamkeit auf die guten Dinge, denken von ihren Mitmenschen gut und leben so in ihrer positiven Welt.

Es gibt aber auch die Menschen, bei denen vieles schief geht. Sie finden jedes Missgeschick und jede nicht gelungene Aktion als Unglück. Wenn sie nicht bekommen was sie sich wünschen, ist das Ungerechtigkeit. Ihre Aufmerksamkeit ist auf das gerichtet, was man nicht hat und auf das was vielleicht andere haben. (Dabei geht es nicht darum, dass ein anderer vielleicht auch etwas dafür geleistet hat, denn das sieht man oft nicht.)

Wenn wir einer Sache Aufmerksamkeit schenken, rückt sie in unseren Fokus. Und wenn die Ereignisse, denen wir Aufmerksamkeit schenken positiv sind, dann wird unser Leben auch einen positiven Verlauf nehmen. Wenn wir unsere Gedanken den negativen anhaften, so wird unser Leben auch für uns immer negativ bleiben. Ich bin absolut davon überzeugt, dass Energie den Gedanken folgt. Und darum ist das Denken über die Menschen und die Welt wie ein Teufelskreis, der positiv oder negativ laufen kann. Jeder hat die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie er sein Leben gestalten möchte. (Es gibt aber auch die Ansicht in manchen Yoga-Stilen, dass negatives in diesem Leben aus einem früheren Karma herrührt.)

Hinzu kommt noch ein anderer Effekt, dass Dinge, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken länger in unserem Leben bleiben. Wenn wir uns gegen etwas nicht so Positives sträuben und wehren, kann es nicht so schnell wieder gehen und wird länger bleiben. Ebenso ist es mit positiven Dingen. Wenn wir sie in unser Herz schließen, können sie auch ein ganzes Leben lang bei uns bleiben. Ebenso bleiben auch negative Erlebnisse und Narben davon vielleicht ein ganzes Leben. Ich kann mir dann diese Narben betrachten und sagen, so etwas Schreckliches und mit meinem Schicksal hadern. Oder ich kann mir meine Narben betrachten und mit ihnen Frieden schließen. Sie wohlwollend annehmen und mir sagen, dass sie wohl nötig waren, um mich zu dem werden zu lassen, was ich heute geworden bin. Und ich habe eine Erfahrung, die ich vielleicht anderen Menschen voraushabe und die mich in bestimmten Situationen stärker macht.

Es kommt einfach immer darauf an, auf welchen Teil man seine Aufmerksamkeit richtet und hier schlage ich den Bogen zu meiner Einleitung. Ich durfte lernen, dass man die Menschen nicht aus ihrer Art das Leben zu sehen herausholen kann, wenn sie nicht möchten. Und das zu Akzeptieren fiel mir bisher sehr schwer. Ich konnte nicht verstehen, warum nicht jeder seinen Fokus mehr auf die positiven Dinge richten möchte und damit ein leichteres Leben zu führen. Ich dachte, es ist ein Geschenk, sein Leben aktiv und positiv selbst gestalten zu können. Oder zumindest gewisse Bereiche davon. Aber dem ist wohl nicht so und das habe ich verstanden und kann es hoffentlich umsetzen. Es ist auch ein gewisser Schmerz, den es auszuhalten gilt, besonders wenn es auch die eigene Familie betrifft.

Es gibt Lebensbereiche, da kann ich mir nicht aussuchen, mit welchen Menschen ich mich abgebe. Aber es gibt auch Lebensbereiche, da kann ich es mir aussuchen und da möchte ich in Zukunft noch mehr darauf achten, mich mit Menschen, die ihre Aufmerksamkeit auf die positiven Dinge des Lebens richten, zu umgeben. Und ich freue mich immer wieder, wenn ich solchen Menschen begegnen darf und sie kennen lerne.

Was ist Frieden? Der Wettbewerb und sein außergewöhlicher Gewinner

Einst führte ein mächtiger Herrscher, der im Volk aufgrund seiner Weisheit beliebt war, in seinem Land einen Malwettbewerb durch. Gesucht wurde das beste Kunstwerk zum Thema Frieden. Die Kunstschaffenden des Landes machten sich eifrig ans Werk. Zu Hunderten gingen die Darstellungen im Schloss ein. Die große Eingangshalle musste ausgeräumt werden, damit das Auswahlgremium alle Gemälde begutachten konnte.

Am Ende blieben zwei Bilder für die Endausscheidung übrig. Der weise Herrscher sollte das Bessere küren. Seine Wahl überraschte das Volk ...

Der lebenserfahrene Landesherr überlegte zunächst lange, welches Gemälde den Frieden treffender symbolisiere. Tief versunken verharrte er vor den beiden Kunstwerken, die es in die Endauswahl geschafft hatten.

Das eine Bild faszinierte mit meisterhafter Darstellung eines klaren und ruhigen Teiches. Machtvoll aufragende Berge mit weißen Gipfeln umrahmten das Panorama, vereinzelte Dunstschleier spiegelten sich auf der blauen Oberfläche des Sees. Jedem Betrachter fiel sofort das Wort "Frieden" bei der Bewunderung dieses Meisterwerkes ein.

Das zweite Gemälde schien auf den ersten Blick das genaue Gegenteil dieser Stimmung zu symbolisieren. Auch hier füllte eine Berglandschaft die Leinwand, die Natur aber war karg und rau. Das Gebirge wirkte unwirtlich und kühl. Es toste ein Unwetter, dunkle Wolken und Blitze zuckten über den Himmel. Beim ersten Anschein kein Bild des Friedens.

Blickte man aber näher hin, erkannte man im rechten Drittel des Bildes ein dünnes Gebüsch, das aus einer Felswand herauswuchs. Eine Felszunge ragte über das grüne Gezweig. In diesem Busch hatte ein weiß gefiederter Vogel sein Nest gebaut. Jener Piepmatz hockte trotz tobenden Unwetters in tiefer Gemütsruhe auf seinem Gelege. Der Künstler hatte seinem Werk nur dieses kleine Areal des Friedens gegönnt.

Dann traf der Herrscher seine Wahl ...

Er entschied sich für das zweite Kunstwerk, das Sturmgemälde.

Der Herrscher erklärte: Lasst euch nicht vom ersten Bild in die Irreführen. Wir brauchen weniger einen Frieden unter idealen Bedingungen. In vollkommenen Zuständen fällt es uns leicht, ein friedvolles Gemüt zu finden.

Vielmehr bedürfen wir eines Friedens inmitten hektischer Ereignisse und widriger Lebenslagen. Dieser innere Friede, unabhängig von den äußeren Umständen, birgt Hoffnung auf eine bessere Zeit.

(www.yoga-welten.de - Verfasser unbekannt)

Meditation und Arbeit verbinden

Eine gestresste Führungskraft hat sich zu eine Meditation-Woche bei einem berühmten Meditationsmeister angemeldet. Die ersten Tage im Kloster sind für ihn ungewohnt. Meditation, Satsang, Yoga, Spaziergänge, vegane Ernährung, viel Natur ...

Eine Beobachtung in diesen Tagen lässt ihm keine Ruhe. Zur Mitte der Woche bittet er darum den Meister um ein Gespräch. Gerne will dieser den Neuling ermutigen und nimmt sich die Zeit für dessen Frage.

„Meister, ihr seid den ganzen Tag im Stress: Die Gäste betreuen und unterrichten, die Wäscherei und Küche im Auge behalten, die Gartenarbeit und die Ernte organisieren, Fragen der Gäste beantworten, dann die Büroarbeit ... 

Wann habt ihr eigentlich die Zeit für die Meditation?

Der Meister lächelt: „Ach weißt du, ich muss mehr darauf achten, dass ich während der Meditation nie aufhöre zu arbeiten ...“

(von www.yoga-welten.de)

Der Sorgenbaum

In einem Dorf stand einmal ein uralter Baum. Eines Tages wurden alle Dorfbewohner eingeladen, ihre Sorgen, Probleme und Nöte gut verpackt an diesen Baum zu hängen. Die Bedingung war jedoch, dass sie ein anderes Paket mitnehmen.

Und so geschah es auch. Zu Hause wurden die fremden Pakete geöffnet. Doch es machte sich Bestürzung breit. Die Sorgen und Probleme der anderen schienen viel größer zu sein als die eigenen!

Und so liefen alle wieder zurück zu dem alten Baum. Sie nahmen statt der fremden Pakete wieder ihre eigenen, hängten die fremden wieder an den Baum und gingen erleichtert zurück nach Hause.

(Aus "Die spirituelle Schatzkiste" von Arjuna P. Nathschläger, veröffentlicht auf: www.yogaakademieaustria.com)

Der Sonnengruß

„Wenn du dein Bewusstsein transformieren willst“, sagte einst ein Guru zu seinem Schüler, „dann beantworte mir folgende Frage: Wieso macht ich den Sonnengruß, wenn ich doch eigentlich gar keinen Sonnengruß mache?“

„Nun aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet könnte man sagen, dass du einen Sonnengruß machst, aus einem anderen jedoch könnte man sagen, dass du keinen Sonnengruß machst“, erwiderte der Schüler.

„Du verstehst gar nichts“, fuhr der Guru seinen Schüler an. „Ich sage dir doch, dass ich den Sonnengruß mache und doch keinen Sonnengruß mache. Von einem Blickwinkel war hier nicht die Rede, du Dummkopf.“ „Ich weiß es nicht“, antwortete der Schüler den Tränen nahe. „Wenn du Fortschritte auf deinem spirituellen Weg machen willst“, fuhr in der Guru erneut an, „dann musst du es aber wissen.“

Nun aber wurde der Schüler wütend: „Ach, zum Teufel mit dir und deinem Fortschritt auf dem spirituellen Weg! Wenn ich meine kostbare Zeit mit so dummen Fragen verschwenden soll, dann verzichte ich lieber auf Fortschritt.“ Mit diesen Worten verließ er den Ashram und ging zurück nach Deutschlang.

Zehn Jahre vergingen, und immer wieder ging dem Schüler die Frage durch den Kopf. So kam es, dass er eines Tages zu seinem Meister zurückkehrte und vorsprach: „Guruji, ich habe eingesehen, dass ich damals vorschnell das Handtuch warf. Deshalb werde ich jetzt so lange über deine Frage kontemplieren, bis ich eine Antwort gefunden habe.“

„Wie lautete die Frage denn?“, wollte der Guru wissen. – „Du hast mich gefragt: Wieso mache in den Sonnengruß, wenn ich doch eigentlich gar keinen Sonnengruß mache?“ Da lachte der Gurt laut los und entgegnete: „So eine Frage soll ich dir gestellt haben? Na, da muss mich wirklich der Schalk geritten haben."

(aus „Alles ist Yoga“ von Doris Iding erschienen im Schirner Verlag 2010)

Vorsicht vor negativen Bildern

Liefern wir dem Unterbewusstsein symbolkräftige Bilder, dann kann es gar nicht anders, als zu verwirklichen, was wir ihm zeigen, denn wir benutzen damit seine Sprache. Es ist immer wieder faszinierend, zu beobachten, wie das Unterbewusstsein die Macht besitzt, alles Realisierbare, was wir ihm wiederholt bildhaft zeigen, zu manifestieren. Seien wir als vorsichtig, dem Unterbewusstsein negative Bilder über uns selbst oder angstvolle Zukunftsvisionen zu übermitteln. Es unterscheidet nämlich nicht zwischen dem, was wir uns wünschen, und dem, was wir fürchten.
Wenn wir ihm Bilder oder auch nur die Beurteilung eines visuellen Eindrucks geben, nimmt es das als reale Information.
Doch es kommt es auch auf den Kontext an. Während ein großer, mächtiger Baum ein unzweideutiges Symbol für Stabilität und langsames, aber stetiges Wachstum ist, gibt es viele Bilder, mit denen verschiedene Menschen Unterschiedliches verbinden. Dem können beispielsweise Erfahrungen oder Glaubenssätze zugrunde liegen. Aus einem ursprünglich neutralen Bild kann so ein negatives werden.
Falls sie also in der neuen weißen Jeans vor dem Spiegel stehen und denken: „Meine Güte, hab ich einen fetten Po!“, wird das Unterbewusstsein als Information aufnahmen, dass Sie dick und hässlich sind, verbunden mit dem mitgelieferten Gefühl des Missfallens. Mit diesem im Hintergrund abgespeicherten >>Wissen<<, scheinbar unattraktiv und nicht liebenswert zu sein, wird die Laune erheblich sinken, oder?
Sie können dem Unterbewusstsein aber ebenso gut eine positive Beurteilung des visuellen Eindrucks geben: „Klasse, in der weißen Jeans sehe ich sehr feminin aus.“ Das Unterbewusstsein merkt sich, dass Sie schön und liebenswert sind. Damit mögen Sie sich und sind selbstbewusst und fröhlich. Da wir weibliche Wesen selten an einem Mangel an Selbstkritik leiden, lassen wir uns ohnehin noch genügend „Korrekturmaßnahmen“ einfallen …
Sobald wir die Sprache des Unterbewusstseins kennen und anwenden, erschließen wir uns kreative Fähigkeiten, ein wunderbares Selbstwertgefühl und ursprüngliche Lebensfreude, die vielleicht schon viel zu lange verschüttet sind. Die Bilder, mit denen wir das erreichen, wirken heilsam und harmonisierend auf Psyche, Lebensgefühl und Gesundheit.

(aus „Meditation mit inneren Bildern“ von Gabriele Rossbach, erschienen im Gräfe und Unzer Verlag 2017)

Die kleinen Leute von Swabeedoo

Vor langer, langer Zeit lebten kleine Leute auf der Erde. Die meisten wohnten im kleinen Dorf Swabeedoo und nannten sich Swabeedoodahs. Sie waren sehr glücklich und liefen herum mit einem Lächeln bis hinter die Ohren und grüßten jedermann.
Was die Swabeedoodahs am meisten liebten, war, einander warme weiche Pelzchen zu schenken. Ein jeder trug über seiner Schulter einen Beutel, und der Beutel war gefüllt mit weichen Pelzchen. So oft sich die Swabeedoodahs trafen, gab gewöhnlich der eine dem anderen ein Pelzchen.

Nun ist es besonders schön, jemandem ein warmes weiches Pelzchen zu geben: es sagt dem anderen, er sei etwas Besonderes; es ist eine Art zu sagen: „ich mag dich“. Und selbstverständlich ist es sehr erfreulich, ein solches Pelzchen zu bekommen.

Wenn man dir ein Pelzchen anbietet, wenn du es nimmst und fühlst, wie warm und flauschig es an deiner Wange ist, und du es sanft und leicht zu den anderen in deinen Pelzchen-Beutel legst, dann ist es wundervoll.

Du fühlst dich anerkannt und geschätzt, wenn jemand dir ein Pelzchen gibt, und du möchtest ihm ebenfalls etwas Schönes tun.
Die kleinen Leute von Swabeedoo geben gerne weiche Pelzchen und bekamen gerne weiche Pelzchen, und ihr gemeinsames Leben war ohne Zweifel sehr glücklich und froh.

Außerhalb des Dorfes, in einer kalten dunklen Höhle, wohnte ein großer grüner Kobold. Er wollte nicht alleine wohnen und manchmal war er einsam. Aber er schien mit niemandem auszukommen und irgendwie mochte er es nicht, warme weiche Pelzchen auszutauschen. Er hielt es für einen großen Unsinn.

Eines Abends ging der Kobold in das Dorf und traf einen kleinen freundlichen Swabeedoodah. „War heute nicht ein schöner Swabeedoodah-Tag?“ fragte die kleine Person lächelnd. „Hier, nimm ein warmes weiches Pelzchen; dieses ist ein besonderes, weil ich es eigens für dich aufbewahrt, weil ich dich so selten sehe.“

Der Kobold schaut sich um, ob niemand anderer ihnen zuhörte. Dann legte er seinen Arm um den kleinen Swabeedoodah und flüsterte ihm ins Ohr: „Hör mal, weißt du denn nicht, dass, wenn du alle deine Pelzchen weggibst, sie dir dann an einem deiner schönen Swabeedoodah-Tage ausgehen?“

Er bemerkte plötzlich einen erstaunten Blick und Furcht im Gesicht des kleinen Mannes, und während der Kobold in den Pelzchen-Beutel hineinschaut, fügte er hinzu: „Jetzt, würde ich sagen, hast du kaum mehr als 217 weiche Pelzchen übrig. Sei lieber vorsichtig mit dem Verschenken!“ Damit tappte der Kobold auf seinen großen grünen Füßen davon und ließ einen verwirrten und unglücklichen Swabeedoodah zurück.

Der Kobold wusste, dass ein jeder der kleinen Swabeedoodah einen unerschöpflichen Vorrat an Pelzchen besaß. Gibt man nämlich jemandem ein Pelzchen, so wird es sofort durch ein anderes Pelzchen ersetzt, so dass einem sein ganzes Leben lang niemals die Pelzchen ausgehen können.

Doch der Kobold verließ sich auf die gutgläubige Natur der kleinen Leute – und noch auf etwas anderes, das er bei sich entdeckt hatte. Er wollte herausfinden, ob es sich auch in den kleinen Swabeedoodahs steckte.

Auf diese Weise belog der Kobold also den kleinen Mann, kehrte zurück in seine Höhle und wartete.

Es dauerte nicht lange, der erste, der vorbeikam und der den kleinen Swabeedoodah grüßte, war ein guter Freund von ihm, mit dem er schon viele weiche Pelzchen ausgetauscht hatte. Dieser stellte mit Überraschung fest, dass er nur einen befremdeten Blick erhielt, als er seinem Freund ein Pelzchen gab.

Dann wurde ihm empfohlen, auf seine abnehmenden Pelzchen-Vorräte achtzugeben, und sein Freund verschwand ganz schnell.
Und jener Swabedoodah bemerkte drei anderen gegenüber am selben Abend noch: „Es tut mir leid, aber ich habe kein warmes weiches Pelzchen für dich. Ich muss aufpassen, dass sie mir nicht ausgehen.“

Am nächsten Tag hatte sich die Neuigkeit im ganzen Dorf verbreitet. Jedermann hatte plötzlich begonnen,, seine Pelzchen aufzuheben. Man verschenkte zwar immer noch welche, aber sehr sehr vorsichtig.

„Unterscheide!“, sagten sie. Die kleinen Swabeedodahs begannen einander misstrauisch zu beobachten und verbargen ihre Beutel mit den Pelzchen während der Nacht unter ihrem Bett, Streitigkeiten brachen darüber aus, wer die meisten Pelzchen hat und schon bald begannen die Leute weiche Pelzchen für Sachen einzutauschen, anstatt sie einfach zu verschenken.

Der Bürgermeister von Swabedoo stellte fest, dass die Zahl der Pelzchen begrenzt ist, rief die Pelzchen als Tauschmittel aus, und schon bald zankten sich die Leute darüber, wieviel ein Mahl oder eine Übernachtung im Hause eines jeden kosten soll.

Es gab jedoch einige Fälle von Raub wegen Pelzchen. An manchen dämmrigen Abenden war man draußen nicht mehr sicher, an Abenden, an denen die Swabeedoodahs früher gern in den Park und auf den Straßen spazieren gingen und einander grüßten, um sich weiche warme Pelzchen zu schenken.

Das schlimmste von allem – an der Gesundheit der kleinen Leute begann sich etwas zu ändern. Viele beklagten sich über Schmerzen in Schultern und Rücken, und mit der Zeit befiel mehr und mehr sehr kleine Swabeedoodahs eine Krankheit, bekannt als Rückgraterweichung. Sie liefen gebückt umher und (in den schlimmsten Fällen) bis zum Boden gebeugt.

Ihre Pelzchen-Beutel schleiften sie auf dem Boden. Viele Leute im Dorf fingen an zu glauben, daß das Gewicht des Beutels die Ursache der Krankheit, und dass es besser wäre, sie zuhause einzuschließen. Binnen kurzem konnte man kaum noch einen Swabeedoodah mit einem Pelzchen-Beutel antreffen.

Zuerst war der Kobold mit dem Ergebnis seiner Lüge zufrieden. Er hatte herausfinden wollen, ob die kleinen Leute auch so fühlen und handeln würden wie er, wenn er selbstsüchtige Gedanken pflegte. Und er fühlte sich erfolgreich, so wie die Dinge liefen.

Wenn er nun in das Dorf kam, grüßte man ihn nicht länger mit einem Lächeln und bot ihm keine weitere Pelzchen an. Stattdessen starrten ihn die kleinen Leute misstrauisch an, so wie sie auch einander anstarrten. Und ihm war es auch lieber so. Für ihn bedeutete dies, ‘ der Wirklichkeit ins Auge zu schauen‘: „So ist die Welt“, pflegte er zu sagen.

Mit der Zeit ereigneten sich aber schlimmere Dinge. Vielleicht wegen der Rückgraterweichung, vielleicht auch deshalb, weil ihnen niemals jemand ein weiches Pelzchen gab, starben einige der kleinen Leute.

Nun war alles Glück aus dem Dorf Swabeedoo verschwunden – und es betrauerte das Dahinscheiden seiner kleinen Bewohner. Als der Kobold davon hörte, sagte er zu sich: „Mein Gott, ich wollte ihnen nur zeigen, wie die Welt wirklich ist. Ich habe ihnen nicht den Tod gewünscht“.

Er überlegte, was er jetzt machen könnte, und er erdachte sich einen Plan. Tief in seiner Höhle hatte der Kobold eine Mine von kaltem stacheligem Gestein entdeckt. Er hatte viele Jahre damit verbracht, die stacheligen Steine aus dem Berg zu graben, denn er liebte deren kaltes und prickeliges Gefühl –und er blickte gerne auf den wachsenden Haufen kalter stacheliger Steine im Bewusstsein, dass sie alle ihm gehörten.

Er entschloss sich, sie mit den Swabeedoodahs zu teilen. So füllte er hunderte von Säcken mit den kalten stacheligen Steinen und nahm sie mit ins Dorf.

Als die Leute die Säcke mit den Steinen sahen, waren sie froh und nahmen sie dankbar an. Nun hatten sie wieder etwas, was sie sich schenken konnten. Das einzige Unangenehme war, daß es nicht so viel Spaß machte, kalte stachelige Steine zu verschenken, wie warme weiche Pelzchen.

Einen stacheligen Stein zu schenken war gleichsam eine Art, dem anderen die Hand zu reichen – aber nicht so sehr aus Freundschaft und Liebe. Auch einen stacheligen Stein zu bekommen, war mit einem eigenartigen Gefühl verbunden.

Man war gar nicht sicher, was der Geber meinte, denn schließlich waren die Steine kalt und stachelig. Es war nett, etwas von einem anderen zu erhalten, aber man blieb verwirrt und oft mit zerstochenen Fingern zurück.

Wenn ein Swabeedoodah ein weiches warmes Pelzchen bekam, sagte er gewöhnlich „Wow“, wenn ihm aber jemand einen kalten stacheligen Stein reichte, gab es gewöhnlich nichts anderes als ein „Ugh“.

Einige der kleinen Leute begannen wieder einander warme weiche Pelzchen zu geben und jedesmal, wenn ein Pelzchen geschenkt wurde, machte es den Schenkenden und den Beschenkten wirklich sehr glücklich.

Vielleicht war es nur deshalb so ungewöhnlich, von jemandem ein warmes weiches Pelzchen zu bekommen, weil so viele kalte Steine ausgetauscht wurden. Das Schenken von Pelzchen wurde nie mehr Mode in Swabeedoo.

Nur wenige der kleinen Leute entdeckten, dass sie wieder fortfahren konnten, einander warme weiche Pelzchen zu schenken, ohne dass ihre Vorräte ausgingen. Die Kunst, Pelzchen zu schenken, wurde nicht von vielen gepflegt, Misstrauen steckte tief in den Leuten von Swabeedoo
.

(unbekannte/r Autor/in)

Ein Weg zum Erfolg

In einem kleinen Dorf in Indien wuchs ein Junge auf, der körperlich und geistig zurückgeblieben war. Solange er klein war, gab es für ihn kaum Probleme, doch je älter er wurde, desto mehr wurde er zum Gespött der anderen Kinder. Er verstand nur sehr langsam und tat sich mit dem Sprechen schwer. Als er schließlich zu einem jungen Mann herangewachsen war, galt er bei allen Dorfbewohnern als einfältiger Trottel, worunter er sehr litt. So sehr er sich auch bemühte, er wurde stets nur ausgelacht und von anderen gehänselt.
Da kam eines Tages ein weiser Sadhu in das Dorf. Ehrerbietig empfingen ihn die Bewohner und bewirteten ihn großzügig. Alle waren stolz, dass ein solch gelehrter Mann ihr Dorf mit seiner Anwesenheit beehrte. Auch der Dorftrottel wollte den weisen Mann besuchen und nahm seinen ganzen Mut zusammen, um ihm gegenüberzutreten. Aufmunternd blickte ihn der Sadhu an, und da klagte ihm der Mann sein Leid. Der Sadhu hörte sich geduldig und aufmerksam das Gestammel an.

„Ich weiß, wie du deine Situation ändern kannst“, sprach er dann zu ihm. „Wenn dich in Zukunft jemand anspricht oder dir etwas erzählt, musst du ihm nur antworten: Das glaube ich nicht! Das muss du mir beweisen. Oder du fragst ihn, wie er da so sicher sein kann. Weißt du, es ist gar nicht so einfach, diese Fragen zu beantworten. Wenn dir also jemand sagt, dass heute ein schöner Frühlingstag ist, antworte ihm einfach: Das glaube ich nicht, beweise es mir! Du wirst sehen, es wird für den anderen schwer, zu antworten. Oder wenn jemand zu dir sagt, dass eine Speise hervorragend schmeckt, frage ihn einfach: Wie kannst du dir da so sicher sein? Du wirst sehen, die anderen tun sich schwer mit einer Antwort und werden sich dir unterlegen fühlen. Hast du verstanden, mein Freund?“ Der Dorftrottel nickte zustimmend und versprach, diesen Rat zu beherzigen.

Ein Jahr später besuchte der Sahdu das Dorf erneut. Aus dem Dorftrottel war inzwischen der angesehene Vorsitzende des Dorfrates geworden. Er galt weit und breit als weiser und umsichtiger Mann. Als sie allein zusammensaßen, sprach der ehemalige Dorftrottel zum Sadhu: „Es ist schon eigenartig. Noch bei deinem letzten Besuch war ich hier der Dorftrottel und jetzt fragen mich die Dorfbewohner um Rat und haben mich sogar zum Vorsitzenden des Dorfrates gemacht. Aber ich bin immer noch derselbe Mensch. Ich habe nur einen Ratschlag befolgt und verlange von den Menschen den Beweis, dass die Dinge wirklich so sind, wie sie sie sehen. Niemals hätte ich gedacht, dass man so einfach weise werden kann.“

Lange sah ihn da der Sadhu an und sagte dann: „Wie meinst du, wie ich zum weisen Sadhu geworden bin?“

(aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers“ von Ilona Daiker und Michael Eppinger – Gräfe und Unzer Verlag GmbH)

Wer mit dem Finger auf andere zeigt, zeigt dabei mir drei Fingern auf sich

Es ist mir ein Rätsel, wie man in Berlin-Charlottenburg parken soll, ohne ein Ticket zu bekommen. gut, ein Smart hilft natürlich. Dennoch ist es klug, die Einahlungen an die Landeshauptkasse direkt bei den Fixkosten mit einzuplanen. Mit anderen Worten, ich parke immer mal wieder im Halteverbot, ganz bewusst und meistens kurz, um mal eben was beim Schneider abzuholen. so auch geschehen an einem Samstag im Mai. Als ich aus meinem Auto stieg, schreit ein Mann vom Fußweg gegenüber: „Sind sie blind? Parken verboten! Sie dürfen da nicht stehen!“ Wilder Blick. Hochroter Kopf. Ich sehe mir das Halteverbotsschild an und denke: „Doch, darf ich. Kostet 35 Euro.“ Klingt jetzt vielleicht zu frech, um es mal eben locker zurückzurufen, der Mann ist immerhin kurz vorm Platzen. Wäre aber sachlich durchaus richtig. „Willst du recht haben oder glücklich sein?“, fragte ich mich und schweige.
Warum ich das erzähle? Weil es ziemlich förderlich ist, wenn wir beim Austausch mit anderen merken, worum es gerade wirklich geht. Bin ich überhaupt gemeint? Dieser Zwischenschritt ist durchaus hilfreich, denn er bringt uns dazu, dass wir mit unserer Energie länger bei uns bleiben können, anstatt sie in Wortgefechten zu verplempern. Der Mann mit dem roten Kopf zum Beispiel hatte ja nichts gegen mich persönlich. Seien wir ehrlich. Wäre ich nie geboren, hätte er jemand anderen angeschrien mit seinem Thema, das ja irgendwo zwischen Ordnung, Disziplin und Freiheit liegt; scheint so ein Ding zu sein.
Wenn wir uns aufregen über jemanden, wenn uns etwas am anderen stört, wenn wir meckern, jammern, uns beschweren, ist es eine schöne Abkürzung, mal kurz zu überlegen, was dieses Störgefühl eigentlich über uns selbst aussagt. Meinen wir wirklich den anderen? Ist es diese bestimmte Frau, die mich aufregt? Ist es tatsächlich dieser bestimmte Mann? Oder sind wir es, die gestört sind, und der Nächstbeste kommt uns jetzt einfach mal gerade recht?
„Wer mit dem Finger auf andre zeigt, zeigt dabei mit drei Finger auf sich“, heißt dieses Kapitel. Machen Sie diese Geste ruhig mal, muss man vielleicht sehen, um es zu verstehen. Ich finde den visuellen Aha-Effekt jedenfalls sehr hilfreich und immer wieder eine schöne Abkürzung, um an die Quelle unserer Störungen zu gelangen – und die liegt eben meistens in uns selbst. Die Finger, mit denen wir ganz automatisch auf unseren eigenen Körper zeigen, sind einfach so viel aussagekräftiger und wichtiger als der Zeigefinger, den wir auf andere richten.
Friedmann Schulz von Thun, Kommunikationspsychologe aus Hamburg, nennt das seit den 1970-er Jahren in einem seiner Modelle ´Selbstoffenbarungsebene´. Will heißen: Was sagt das, was wir von uns geben, eigentlich über uns aus? Generell ein sehr effizienter Blick auf die Welt, denn wie oft regen wir uns über andere auf, was sie getan haben, was sie hätten tun sollen, welche Auswirkungen das jetzt für uns hat, und kein einziges Mal hat es uns je weitergebracht. Das wird durch das Bild mit den Fingern anders.
Zurück zum besagten Samstag im Mai: Für so manchen Autofahrer wäre es vermutlich naheliegend gewesen, das Eröffnungsangebot des schreienden Mannes anzunehmen und impulsiv so was zurückzuschießen wie: „Was mischen sie sich denn ein! Kümmern sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten! Haben sie nichts Besseres zu tun?“ Passiert so sicher tausendfach am Tag. Klare Kampfansagen. Bringen aber nichts, klärt auch nichts und ist im Gegenteil ein Brandbeschleuniger.
Ein Fremder wird sich für uns nie ändern, warum also Menschen belehren und in Rechthabergespräche einsteigen? Ist menschlich, hat aber die Welt selten vorangebracht, und meistens ist man danach auch aufgeregter als vorher.
Halten wir uns also lieber an uns selbst und fragen: „Was sagt das, was ich gerade sage, eigentlich über mich aus?“ Und: „Was sagt das, was ein anderer erzählt, wohl über ihn aus?“ Fragen die zu schnellen Auswergen führen. Klügere Schachzüge allemal. Wer diese beiden Ebenen trennen kann, ist klar im Vorteil und mittendrin im Thema Selbstbestimmung, was ja immer wunderbar befreiend ist.
Nehmen wir mal an, der Berliner Schreihals hätte gerade noch die Kurve gekriegt und gemerkt, dass er offenbar ziemlich am Limit ist, ausrastet, schreit, angreift. Und nehmen wir weiter an, er hätte Lust zur Selbstreflexion gehabt. Dann hätte die Übersetzung des Finger-Modells für ihn so klingen können:
Mittelfinger: „Ich kann es nicht leiden, wenn hier einfach jeder macht, was er will!
Ringfinger: „Ich wollte früher mal zur Polizei, die Deppen haben mich aber nicht genommen! Unverschämt!
Kleiner Finger: „Ich hab nicht einmal genug Geld für ein Auto, mit dem ich falsch parken könnte!“
Ist jetzt etwas übertrieben, ich weiß, bringt aber dich die Tragweite der Möglichkeiten rüber, finden sie nicht?
Das Leben ist ein Selbstgespräch. Ist einfach so. Was wir erzählen, sagt oft mehr über uns aus als über andere. Deshalb müssen wir such nicht alles kommentieren. Der Irrglaube, immer die passende Antwort parat haben zu müssen, setzt uns ohnehin nur zusätzlich unter Druck. Meist bewirkt es, dass uns die optionale Erwiderung dann erst abends im Bett einfällt. Sie wissen ja, wie es ist: Wenn es außen still wir, wird es innen meist laut.
Nachts schleicht sich das schlechte Gewissen an uns setzt ungefragt Gedanken Karussells in Bewegung. „Na toll, hätte ich mal lieber …“ – und dann kommt er natürlich, der grandiose Einfall, die super Replik und das Bedauern darüber, dass die Chance nun vertan ist.
Messen sie diesen verspäteten Einfällen keine Bedeutung bei. Lassen sie die Sache lieber, wo sie hingehört: in der Vergangenheit. Vorbei ist vorbei. Wir können sowieso niemanden ändern, uns aber schon. Daher, wenn Sie das nächste Mal wach liegen oder sich tagsüber ärgern, erinnern sie sich einfach an die Geste mitsamt dem dazugehörigen Satz: „Wer mit dem Finger auf andere zeigt, zeigt mit drei Fingern auf sich.“ Wenn sie herausfinden, was die drei Finger, mit denen sie auf sich zeigen, über sie selbst aussagen, geht es ihnen sicher besser. 

(aus 50 Sätze die das Leben erleichtern von Karin Kuschik – Rowohlt Verlage)

Nägel im Zaun

Ein junges Ehepaar war sehr glücklich über seinen klugen achtjährigen Sohn. Es gab nur ein Problem, das sich täglich verschlimmerte: Bei den geringsten Anlässen wurde der Junge wütend und geriet außer Rand und Band. Eines Tages hatte sein Vater eine Idee. Er gab seinem Sohn einen Hammer und eine Packung Nägel und sagte: „Immer wenn du wütend wirst, nimmst du einen Nagel und schlägst ihn in unseren Holzzaun im Garten.“

Der Junge verstand den Sinn zwar nicht, war aber einverstanden. an den nächsten Tagen befolgte er die Anweisung, und bald schon steckten zahlreiche Nägel im Zaun. Entsetzt sah der Junge, sie viele Nägel es bereits waren. Gegen Ende der Woche wurden es allmählich weniger, bis zum Ender der zweiten Woche sogar Tage vorkamen, an denen er gar keine Nägel mehr in den Zaun schlagen musste, weil er gar nicht wütend geworden war. Stolz erzählte er dies seinem Vater.

Der ging mit ihm zum Zaun, zählte die Nägel und machte dem Sohn einen neuen Vorschlag: „Von heute an darfst du für jeden Tag, an dem du nicht wütend wirst, einen Nagel aus dem Zaun ziehen!“ Begeistert stimmte der Junge zu. Die Tage vergingen, und dann war es so weit. Kein Nagel steckte mehr im Zaun! Aufgeregt holte der Junge seinen Vater herbei. „Ich bin stolz auf dich“, lobte ihn dieser, als den Zaun sah. „Wie schön, dass du es geschafft hast!“ Vor lauter Stolz röteten sich die Wangen des Jungen.

„Aber schau dir den Zaun einmal genau an“, fuhr sein Vater fort. „Siehst du die vielen kleinen Löcher, die die Nägel im Zaun hinterlassen haben? Der Zaun ist nicht mehr der, der er einmal war. Merke die diesen Augenblick, denn genauso ist es mit deinen Wutanfällen anderen Menschen gegenüber. Auch wenn du es später bereust und dich entschuldigst, hinterlassen deine Verletzungen wie die Nägel Spuren und Narben, die bleiben.“

Daraufhin nahm er seinen Sohn in die Arme, drückte ihn fest und war überzeugt, dass er verstanden hatte.

(aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers“ von Ilona Daiker und Michael Eppinger – Gräfe und Unzer Verlag GmbH)

Die Pforten des Paradieses

Ein mächtiger Samurai beschloss, seine spirituelle Bildung zu vertiefen. So machte er sich auf, einen berühmten buddhistischen Mönch zu suchen, der als Einsiedler hoch in den Bergen lebte.

Als er ihn gefunden hatte, forderte er: „Lehre mich, was Himmel und Hölle sind!“

Der alte Mönch sah langsam zu dem muskelbepackten Samurai auf, der über ihm stand und musterte ihn von Kopf bis Fuß.
„Dich lehren?“ kicherte er. „Du musst sehr dumm sein, wenn du denkst, ich könnte einen wie dich etwas lehren. Schau dich an, du bist unrasiert, du stinkst, und dein Schwert ist wahrscheinlich verrostet.“

Der Samurai geriet in Wut. Sein Gesicht wurde rot vor Zorn, als er sein Schwert zog, um dem lächerlichen Mönch, der da vor ihm saß, den Kopf abzuschlagen.

„Das“, sagte der Mönch ruhig, „ist die Hölle.“
Der Samurai ließ sein Schwert fallen. Erst überkam ihn Reue, dann tiefe Zuneigung zu dem alten Mann.
Dass dieser Mönch sein Leben riskiert hatte, um einen völlig Fremden etwas zu lehren, erfüllte sein Herz mit Liebe und Mitgefühl. Tränen stiegen in seine Augen.
„Und das“, sagte der Mönch, „ist der Himmel.“

(Aus "Die spirituelle Schatzkiste" von Arjuna P. Nathschläger)


Viele Meister lehren nicht nur durch das gesprochene Wort, sondern provozieren ihre Schüler oder Gäste und führen damit zu tieferen Einsichten.
Der Mönch verwendete das Ego des Samurai, um ihn zu provozieren und ihm eine Lehre zu erteilen: Im Frieden, in der Liebe ist die wahre Größe des Menschen, nicht im Kampf und der Härte. So lehrt das Tao, dass das Weiche, Biegsame, Sanfte stets dem Harten, Starren überlegen ist.


Die Kunst des Rückzugs

Ein Krieger des Lichts, der zu sehr seiner Intelligenz vertraut, unterschätzt am Ende die Kraft seines Gegners.
Man darf nie vergessen: Es gibt Augenblicke, da ist die Kraft wirkungsvoller als der Scharfsinn. Und wenn wir uns einer bestimmten Form von Gewalt gegenübersehen, wird kein Geistesblitz, kein Argument, wird weder Scharfsinn noch Charme die Tragödie verhindern können.

Daher unterschätzt der Krieger nie die rohe Gewalt: Wenn sie irrational und aggressiv ist, zieht er sich vom Schlachtfeld zurück, bis der Gegner seine Kraft verbraucht hat.

Allerdings sollte eines klar sein: Ein Krieger des Lichts ist niemals feige. Die Flucht kann ein geschickter Verteidigungszug sein, aber sie darf nie angetreten werden, wenn die Angst groß ist.
Im Zweifelsfalle nimmt der Krieger lieber die Niederlage in Kauf und pflegt seine Wunden, denn er weiß, dass er den Angreifern durch seine Flucht größere Überlegenheit zugesteht, als dieser verdient.
Physische Wunden lassen sich behandeln, doch spirituelle Schwächen verfolgen einen ewig. In schwierigen und schmerzlichen Augenblicken stellt sich der Krieger der ungünstigen Situation entschlossen, heldenhaft und mutig. Um den rechten Geisteszustand zu erreichen (denn der Krieger des Lichts zieht in einen Kampf, in dem er die schlechteren Karten hat und möglicherweise leiden wird), muss er genau wissen, was ihm schaden kann.

Okakura Kasuko schreibt darüber in seinem Buch über die Teezeremonie:

„Wir schauen auf die Bosheit der anderen, weil wir die Bosheit durch unser eigenes Verhalten kennen. Wir verzeihen denen niemals, die uns verletzt haben, weil wir glauben, dass sei uns auch nie verzeihen werden. Wir sagen dem anderen die schmerzliche Wahrheit ins Gesicht, die wir selbst nicht wahrhaben wollen. Wir zeigen unsere Kraft, damit niemand unsere Zerbrechlichkeit sieht.
Daher sei dir immer bewußt, wenn du über deinen Bruder richtest, dass du es bist, der vor Gericht steht.“


Manchmal kann dieses Bewusstsein einen Kampf verhindern, der nur Nachteile bringen würde. Manchmal hingegen gibt es keinen Ausweg, sondern nur den Kampf mit ungleichen Chancen.

Wir wissen, dass wir verlieren werden, der Feind oder die Gewalt lassen uns keine andere Wahl, denn Feigheit kommt für uns nicht in Frage. Dann müssen wir das Schicksal annehmen. Dazu kommen mir jetzt Zeilen aus der großartigen Bhagavadgita (Kapitel II, 20-16) in den Sinn:
„Der Mensch wird nicht geboren, und er stirbt nie. Er ist auf dieser Welt, um zu leben, er hört nie auf zu leben, denn er ist ewig und unvergänglich. So wie der Mensch die alten Kleider ablegt und neue anlegt, so legt die Seele den alten Körper ab und erhält einen neuen.Die Seele selbst aber ist unzerstörbar. Schwerter können sie nicht schneiden, Feuer sie nicht verbrennen, Wasser sie nicht nass machen, der Wind sie nicht austrocknen. Sie steht außerhalb der Macht all dieser Dinge.Da der Mensch unzerstörbar ist, ist er (auch in seinen Niederlagen) immer siegreich, und daher sollte er nie klagen.“

Paolo Coelho

Der großherzige, heilige Martin
Es war einmal ein Soldat namens Martin. Er lebte in einer kleinen Stadt und schon von klein auf hatte er ein großes Herz. Er wollte immerzu anderen Menschen helfen. Eines kalten Herbsttages bekam er einen Auftrag. Er sollte eine Botschaft in die nächste Stadt bringen. So ritt er auf seinem Pferd los – durch eine kalte Schneelandschaft. Mit einem Helm auf dem Kopf, seinem Schwert am Körper und einem wärmenden, roten Mantel. Irgendwann traf er am Stadttor auf einen armen Mann im Schnee, er hatte kein Zuhause. Der Bettler zitterte und fror in der eisigen Kälte. Er war nur in Lumpen gekleidet und hatte schrecklichen Hunger. Er rief nach Hilfe! Martin beschloss, ihm zu helfen.

Die Begegnung mit dem Bettler und die Teilung des Mantels
Der arme Mann sagte, dass er dringend warme Kleidung bräuchte, um den Winter zu überstehen. Daraufhin zog Martin sein Schwert, teilte seinen dicken, roten Mantel in zwei Teile und gab dem Bettler eine Hälfte. Die andere Hälfte behielt er für sich. Obwohl Martin nun selbst frieren musste, fühlte er sich sehr glücklich, weil er dem Bettler helfen konnte. Der alte Mann bedankte sich von Herzen und wünschte Martin alles Gute. Dieser ritt zufrieden davon.

Der Traum und der heilige St. Martin
In der nächsten Nacht hatte Martin einen Traum: Darin sah er Jesus, der den halben, roten Mantel des Bettlers trug. Jesus dankte Martin für seine gute Tat. Nach diesem Erlebnis beschloss Martin, sein Leben dem Dienst an anderen zu widmen, trat aus dem Militär aus, ließ sich taufen und wurde Mönch. Er gab all seinen Besitz an andere weiter und lebte im Kloster. Weil er bei allen so beliebt war, sollte er sogar zum Priester geweiht werden. Von der Idee war Martin erst nicht überzeugt.

Vom Gänsestall zur Weihe
Die Menschen wussten um seinen guten Ruf – ob als Ratgeber, Heiler, Geistlicher oder Seelsorger. Sie wurden immer zudringlicher, weshalb Martin schließlich vor ihnen wegrannte und sich in einem Gänsestall versteckte. Die Tiere wollten ihn dort aber nicht und schnatterten so laut, dass er gefunden wurde. Sie geleiteten den heiligen Martin mit Laternen zurück in die Stadt. Schließlich ließ er sich zum Priester weihen – und er war wie erwartet ein richtig guter

Das St. Martinsfest
Bis heute wird die Geschichte des St. Martin gefeiert. Am 11. November, seinem Namenstag, ziehen Kinder mit Laternen durch die Straßen und singen Lieder über den heiligen Martin mit dem großen Herzen. So erinnern sie sich an seine Taten und teilen Süßigkeiten untereinander. Die Erzählung von Martin im Gänsestall erklärt übrigens, warum am Martinstag traditionell die Martinsgans auf vielen Tischen landet. Auf einigen Martinsumzügen wird sogar eine lebendige Gans verlost.

Die Lehre der Geschichte
Die Geschichte des St. Martin zeigt uns, dass es wichtig ist, anderen Menschen zu helfen und stets mitfühlend zu sein. Schon die kleinsten Gesten können große Auswirkungen haben und andere glücklich machen.

(Quelle  www.leben-und-erziehen.de)

Das Geheimnis des Herzens

Es lebte einst ein mächtiger König. Er herrschte über ein großes Land, sein Volk lebte im Wohlstand und der König tat viel, um die Menschen bei Laune zu halten. Regelmäßig veranstaltete er Feste, richtete die Hochzeiten seiner Untertanen großzügig aus und doch wurde ihm oft zugetragen, es gebe Unzufriedenheit in seinem Volk. Weil er verstehen wollte, was in den Menschen vor sich ging, rief er einen weisen Mann zu sich. „Meister“, fragte der König, „kannst du mir sagen, woher die Unzufriedenheit der Menschen rührt?“ Der Meister versprach dem König, ihm zu antworten, sobald dieser die Schale, die er mitgebracht hatte, mit Goldstücken aufgefüllt habe.
„Das tue ich gern“, sprach der König, dessen Reichtum so unermesslich war, dass es ihm ein Leichtes schien, diese kleine Schale zu füllen. Er bat einen seiner Diener, eine große Truhe voller Gold bringen zu lassen, damit er selbst die Goldstücke in die Schale des Meisters legen könne.
Mehrere Diener brachten eine schwere Truhe und der König begann damit, die Schale zu füllen. Doch zu seiner großen Überraschung wurde sie nicht voller. Im Gegenteil: Je mehr er hineinlegte, desto leerer schien sie zu werden. Er konnte es nicht fassen!
„Sag es nur, wenn du die Schale nicht füllen kannst“, sprach der Weise. Der König, erschüttert und nachdenklich zugleich, gab schließlich auf und fragte den Weisen: „Wie kann es sein, Meister, dass all mein Reichtum nicht ausreicht, um diese Schale zu füllen? Was ist das Geheimnis dieser Schale. Bitte verrate es mir.“
Der Weise lächelte und sprach: „Du hast recht. Dies ist wirklich eine ganz besondere Schale. Sie gleicht den Herzen der Menschen, die nie zufrieden sein können. Du kannst so großzügig sein, wie du willst, du kannst die Menschen mit allem beschenken, was sie sich wünschen – ob Reichtum, Macht, Wissen oder Liebe -, sie werden nie zufrieden sein. Solange ein Mensch nicht innerlich erfüllt ist, wirst du ihn auch mit der Erfüllung seiner Wünsche nicht glücklich machen können. Im Gegenteil: Je mehr er bekommt, desto mehr wünscht er sich und desto unzufriedener macht ihn sein Verlangen.“

(aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers“ von Ilona Daiker und Michael Eppinger – Gräfe und Unzer Verlag GmbH)

Das Empfinden der Zeit

Die letzte Woche kam ich zweimal mit jemanden auf die Zeit und wie schnell sie verfliegt zu sprechen. Heute fand ich zufällig in einem Schub, als ich nach etwas ganz anderem suchte dieses Buch in die Hände und ich schaute hinein, genau an dieser Stelle, die ich jetzt mit dir teilen möchte.

Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann, auf einmal, da spürt man nicht als sie: sie ist um uns herum, sie ist aber in uns drinnen.

Hugo von Hofmannsthal


Stell dir vor, du säßest vor einem Tisch in einem ansonsten vollkommen leeren Raum. Dein Handy und alle persönlichen Gegenstände musstest du vor Betreten des Raums ablegen. Du hast nichts, das dich ablenken könnte. Deine einzige Aufgabe besteht nun darin, zu sitzen und dabei wach zu bleiben. Wie lange würdest du es in diesem Raum allein mit deinen Gedanken aushalten? Eine Minute? Zehn Minuten? Eine Stunde?
Der Sozialpsychologe Timothy Wilson von der University of Virginia setzte eine Gruppe von Studierenden in seinem Labor einem angekündigten, unangenehmen Elektroschock aus. Dieser war so schmerzhaft, dass sie lieber einen kleinen Geldbetrag zu zahlen bereit waren, als einen weiteren Schock zu bekommen. Danach wurden alle einzeln in einen Raum mit nur einem Tisch und Stuhl gebeten, wo sie 15 Minuten mit sich selbst und ihren Gedanken alleine gelassen wurden. Ohne jegliche Ablenkung, außer einer kleinen Apparatur auf dem Tisch. Ein Druck auf deren Knopf, so hatte man ihnen erklärt, würde ihnen sofort einen Elektroschock wie den aus dem ersten Teil des Experiments versetzen.
„Wir haben keine Ahnung, was uns erwarten würde“, erklärte Professor Wilson in einem Interview mit dem Boston Globe. Mansche im Forschungsteam fragten: „Warum tun wir das? Niemand wird sich selbst schocken.“ Doch es kam vollkommen anders. Zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen drückten den Knopf. Manche sogar mehrmals. Ein Versuchsteilnehmer brachte es auf unvorstellbare 190 Schocks – in 15 Minuten.
Die Leute könnten es kaum ertragen, mit ihren Gedanken alleine zu sein, erklärt Professor Wilson die Ergebnisse. Sie schockten sich aus Langweile. Warum fällt es uns so schwer, Momente der Langeweile auszuhalten? Warum ziehen wich 15 Minuten unerträglich lang hin, wo sie in anderen Momenten wie im Flug vergehen? Wie kann es sein, dass die Zeit so unterschiedlich schnell verstreicht?
Zeit ist ein klar definierte physikalische Größe. 15 Minuten sind überall auf der Welt 900 Sekunden, das Viertel einer vollen Stunde. Man kann 15 Minuten auf die Tausendstelsekunde genau mit einer Uhr messen, so wie man null Grad mit einem Thermometer messen kann. So exakt der Messung, so unterschiedlich können Temperaturen sich anfühlen. Je nach Wind, Sonne und Luftfeuchtigkeit kann ein und dieselbe Temperatur deutlich anders empfunden werden. Ähnliche verhält es sich mit der Zeit. „Wenn man mit einem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute; wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden“, sagte der wohl berühmteste Zeitforscher Albert Einstein. Zeit ist relativ, hatte Einstein in der Physik bewiesen, und auch für unser Hirn ist sie keine feste Einheit.
Lange suchte die Forschung nach der Uhr im Menschen. Ohne Erfolg. Zwar arbeiten im Kopf und Körper verschiedene Systeme, um den Schlaf-Wach-Rhythmus zu steuern, unsere Bewegungen auf die Millisekunde genau abzustimmen oder unseren Hunger an die Tageszeit anzupassen, doch obwohl diese Systeme ineinandergreifen wie die Räder eines Uhrwerks, fehlt der Uhr der Zeiger. In uns Menschen existiert nichts, das so tickt wie eine Uhr. Im Gegenteil. Zwar takten wir unsere unsere Welt nach präzisen Atomuhren, deren Fehler sich selbst nach übet 10 Milliarden Jahren auf weniger als eine Sekunde beläuft, doch in uns drin funktioniert Zeit völlig anders. Wir fühlen sie.
Das ist der Grund, warum 15 Minuten wie im Flug vergehen, wenn wir einen geliebten Menschen gegenübersitzen, langsam, wenn wir im Restaurant auf die verspätete Verabredung warten, oder sich fast unerträglich ziehen, wie für die Versuchsperson in Wilson Elektroschockexperiment. Je nach Situation und Lebensalter fühlen wir die Zeit völlig unterschiedlich.
Als Kind war der Advent für mich die längste Zeit des Jahres. Täglich sollte ein Täfelchen Schokolade mich von meinem ungeduldigen Warten ablenken. Keine Chance. Die 24 Tage angespannter Erwartung waren für mich damals eine Ewigkeit. Erst der süße Klang des Glöckchens an Heiligabend, der den Abflug des Christkinds und damit die Geschenke unter dem Tannenbaum verkündete, brachte die Erlösung. Noch heute läuten meine Eltern dasselbe Glöckchen, wenn wir an Weihnachten zusammenkommen. Der Klang ist unverändert. Doch über viele Jahre war mein Gefühl dabei ein vollkommen anderes. Statt erlöst zu sein, erschrak ich. „Schon wieder ist das Jahr fast vorbei? Wo sind die letzten 24 Tage und die elf Monate davor geblieben? Warum rast die Zeit so schnell?“ Meine Zeitwahrnehmung hatte sich, im Vergleich zu dem Kind von damals, ganz offenbar grundlegend gewandelt.
Die Zeit, die wir empfinden, steht immer auch im Verhältnis zur Dauer unseres Lebens. So erscheint es auf den ersten Blick logisch, dass sie mit dem Alter immer schneller vergeht, denn wenn eine Zweijährige ihren Geburtstag feiert, entspricht ein Jahr der Hälfte ihres Lebens. Am Tag ihres 50. Geburtstags macht ein Jahr nur noch zwei Prozent ihres Lebens aus. Laufe ich einen Marathon, erscheint ein Kilometer als ein Bruchteil von 42,2 Kilometern Gesamtstrecke relativ kurz. Will ich nur zum Bäcker, käme mir der gleiche Kilometer deutlich länger vor. Betrachten wir ein Jahr als Bruchteil unseres Lebenswegs, ist dieser Bruchteil für einen Zweijährige also sehr viel größer als für eine Fünfzigjährige. Unsere Jahre werden als Bruchteil immer kleiner und damit gefühlt auch immer kürzer.
Diese Denkweise ist beliebt, weil sie einleuchtet. Doch sie hinkt. Eine Stunde im Leben einer Fünfzigjährigen müsste nach diesen Überlegungen 25-mal schneller vergehen als eine Stunde im Leben einer Zweijährigen. Wir schon mal eine Stunde auf einen verspäteten Zug warten musste, weiß, dass diese Stunde sehr lange sein kann, egal wir alt man ist. Was zählt, ist das, was in der erlebten Zeit passiert.

(BESSER FÜHLEN – Eine Reise zur Gelassenheit von Dr. Leon Windscheid, Rowohlt Taschenbuch Verlag)

Das Versprechen

In einer Tiefebene, die von einem breiten Fluss durchzogen wurde, lebte einst ein sehr frommer Mann in der Nähe eines kleinen Dorfes. Alljährlich, in der Zeit des Monsuns, stieg der Pegel des Flusses gefährlich an, in diesem Jahr allerdings so stark, dass die Dorfbewohner zu fliehen begannen. Trotz ihrer Warnungen beharrte der alte Mann darauf, in seiner Hütte zu bleiben.
„Mein Schutzengel hat mir im Traum versprochen, mich zu beschützen“, erklärte er den Dorfbewohnern, die ihn aufforderten, mitzukommen. Auch dem Dorfvorsteher, der ihn mit seinem Karren mitnehmen wollte, gab er dieselbe Antwort. Als das Wasser schon hoch stand, kam noch eine Rettungsmannschaft in einem Schlauchboot vorbei, doch auch diesen Leuten erklärte der Mann eigensinnig, dass ihn sein Schutzengel schon beschützen werde. So kam es, wie es kommen musste, und der fromme Mann ertrank jämmerlich in den Fluten.
Nach seinem Tod begegnete er seinem Schutzengel. „Du hast mir versprochen …“, begann der fromme Mann vorwurfsvoll … „Ja, und ich habe mein Versprechen auch gehalten, du dickköpfiger Narr!“, unterbrach ihn da der Schutzengel. „Ich habe dir zuerst die Nachbarn geschickt, dann den Dorfvorsteher mit deinem Karren und schließlich die Rettungsmannschaft mit dem Boot!“
Darauf brachte der fromme Mann nur mehr ein ertauntes „Oh!“ hervor.

(aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers“ von Ilona Daiker und Michael Eppinger – Gräfe und Unzer Verlag GmbH)

Das unüberwindbare Schloss

Vor langer Zeit musste ein König einen Nachfolger für einen der wichtigsten Posten an seinem Hof suchen. Um den besten Bewerber zu finden, sollte dieser eine schwierige Aufgabe lösen. Lange überlegte der König, welche dafür geeignet wäre. Nach ausführlichen Beratungen mit seinen Vertrauten hatte er sich schließlich entschieden. Die fähigsten Männer seines Königreiches wurden am Hof versammelt und der König stellte ihnen die Aufgabe. Dazu ging er mit ihnen an das große Eingangstor seiner Burg. An diesem Tor war ein mächtiges, kompliziertes Schloss angebracht, wie es noch keiner der Bewerber je gesehen hatte.
„Dieses Schloss habe ich eigens anfertigen lassen. Es ist das sicherste und komplizierteste Schloss, das meines Wissens möglich ist. Wem es zuerst gelingt, das Tor zu öffnen, wird den Posten bekommen!“ Mit diesen Worten eröffnete der König den Wettbewerb.
Einige der Bewerber, die technisch nicht sehr versiert waren, gaben schon bei der Betrachtung des komplizierten Mechanismus auf und verließen den Wettbewerb. Die übrigen untersuchten das Schloss genau und stellten Berechnungen an. Je genauer sie die Einzelteile des Mechanismus und ihr Zusammenwirken analysierten, desto gewagter wurden die Theorien und Lösungsvorschläge. Die Diskussion wurde immer verwirrender und ausufernder. Es schien einfach keine Möglichkeit zu geben, das Schloss zu öffnen.
Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu und die Verzweiflung ergriff langsam auch die besten Männer, als sich ein junger Mann aus der debattierenden Runde löste und zum Tor ging. Zuerst rüttelte er am Schloss, dann zog er kräftig und – das Tor schwang langsam auf! Das Schloss hatte er überhaupt nicht versperrt.
„Du junger Mann, sollst den Posten bekommen“, sprach nun erleichtert der König. „Analysieren, Theoretisieren und Diskutieren ist recht und gut, aber man muss auch handeln, und darauf kommt es bei diesem Posten an!“

(aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers“ von Ilona Daiker und Michael Eppinger – Gräfe und Unzer Verlag GmbH)

Der Kreislauf des Lebens

Der weiseste der Zen-Frösche wollte gerade den jüngeren Zen-Fröschen den Kreislauf des Lebens nahebringen, als er eine Fliege entdeckte. „Seht ihr die Fliege dort, die gerade eine Mücke verschlingt?“, fragte er seine Schüler.
Bevor die Schüler antworten konnten, fuhr er fort: „Und jetzt fresse ich die Fliege!“ Sprach es und schnappte sich die Fliege. „Das alles ist Teil eines größeren Zusammenhangs der Dinge“, erläuterte er, nachdem er dir Fliege geschluckt hatte.
„Ist es nicht böse zu töten, um selbst zu leben?“, wagte da ein junger Zen-Frosch einzuwenden.
„Das kommt darauf an“, erwiderte ihn der weise Zen-Frosch, der nicht bemerkte, dass sich ihm eine Schlange genähert hatte. Bevor er seinen Satz vollendet konnte, hatte ihn die Schlange auch schon verschluckt.
„Worauf kommt es an?“, rief ihm da der junge Zen-Frosch nach.
Gedämpft hörte er noch die Antwort des weisen Zen-Frosches: „Darauf, wie man die Dinge betrachtet, von innen oder von außen.“

(aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers“ von Ilona Daiker u. Michael Eppinger – GU Verlag)

Der kleine Prinz und das Streiten

Auf seiner Reise durch das Weltall begegnete der kleine Prinz einem traurigen Mann, der auf einem großen Steinbrocken in der Leere der Unendlichkeit saß.

„Warum bist du so traurig?“, fragte ihn der kleine Prinz.
Daraufhin weinte der Mann fürchterlich und sagte unter Schluchzen: „Weil ich meine Heimat verloren habe.“
„Ja, du sitzt hier einsam auf einem Steinbrocken mitten im Weltall. Das finde ich schlimm. Wie hast du deine Heimat verloren?“

Der Mann schaute den kleinen Prinzen an und erzählte: „An der Stelle des Steinbrockens war ein mit Leben erfüllter wunderbarer Planet. Alle gingen geschäftig ihren Tätigkeiten nach und freuten sich ihres Lebens. In der Nachbarschaft von unserem Planeten befand sich ein weiterer Planet, auf dem es ebenso reges Leben gab. Wir waren gut befreundet, bis aus einer Nichtigkeit ein Streit erwuchs, der zu einem Krieg führte. Der Krieg wurde erbarmungslos geführt. Und auch als schon absehbar war, dass keiner ihn gewinnen konnte und beide Planeten zerstört würden, wenn wir weitermachten, hörten wir nicht auf, uns zu bekriegen.
Das Ergebnis siehst du hier: Von den beiden wunderbaren Planeten und den zahlreichen Bewohnern bleiben nur dieser Stein und ich übrig, um das traurige Lied der sinnlosen Zerstörung zu singen.“

Der kleine Prinz legte seine Hand auf die Schulter des Mannes und sagte mitfühlend. „Ja, bei einem Streit sollte mindestens einer gewinnen.“

„Das dachte ich früher auch immer“, sagte der Mann und blickte dem kleinen Prinzen fest in die Augen.

„Und jetzt?“, fragte der kleine Prinz erwartungsvoll.

„Jetzt träume ich jeden Tag von zwei blühenden Planeten, die sich gegenseitig stützen, bereichern und Freude bereiten. Und jetzt weiß ich, dass jeder Wettstreit so geführt werden soll, dass es zwei Gewinner gibt.“

(aus „Der kleine Prinz und der Mond“ von Johann Maierhofer – Karl Rauch Verlag)

Alles ist vergänglich

Ein kleines Kloster hatte landesweit Bedeutung erlangt, denn in einem Nebenraum des Tempels konnten Besucher wertvolle Vasen auf kleinen Podesten bewundern. Vor allem eine Vase war außerordentlich bekannt. Dieses Meisterwerk der Töpferkunst war zwar nicht besonders groß und auch nicht besonders glasiert, die Tonwände der Vase aber waren hauchdünn und ihre Form strahlte perfekte Harmonie aus, die jedermann sofort berührte. Oft nahmen die Pilger nur wegen dieser einen Vase die Reise zum Kloster auf sich.
Im Kloster lebten zwei Brüder als Mönche. Ihre tägliche Aufgabe war es, den Tempel und den Nebenraum mit den Vasen zu reinigen. Gewissenhaft und mit großer Achtsamkeit kamen sie ihrer Aufgabe nach. Doch eines Tages passierte dem jüngeren Bruder das Missgeschick: Beim Reinigen stieß er an die wertvolle Vase, die sofort in Stücke zersprang. Wie versteinert blieb er vor den Scherben stehen und der ältere Mönch, der die Brüder beim Reinigen beaufsichtigte, begann fürchterlich zu schimpfen. Entsetzt über den großen Verlust verstieg er sich sofort zu der Prophezeiung, dass die beiden Brüder das Kloster verlassen müssten, wenn der Abt von dem Unglück erfahren würde.
Der junge Mönch war völlig verzweifelt und weinte ohne Unterlass, bis ihn endlich sein Bruder mit dem Versprechen, dass er eine Lösung finden würde, trösten und beruhigen konnte. Ruhig sammelte der Ältere alle Scherben ein, wickelte sie in ein Bananenblatt uns setzte sich mit seinem Bruder auf die Stufen des Tempels, um auf die Rückkehr des Abts zu warten. Als dieser schließlich kam, begrüßte der Mönch ihn höfflich, verneigte sich tief und begann zu sprechen: „Meister, darf ich Euch einige Fragen stellen, die mich heute schon den ganzen Vormittag beschäftigen?“ Weil er es nicht eilig hatte, blieb der Abt freundlich nickend stehen und wartete auf die erste Frage.
„Meister, müssen alle Menschen sterben?“, fragte der Mönch als Erstes.
„Sicher, alle Menschen müssen sterben. Auch der erleuchtete Buddha musste sterben.“
„Und wie ist es mit den nicht menschlichen Wesen, den Pflanzen und Tieren?“, wollte der Mönch weiter wissen.
„Natürlich müssen auch Tiere und Pflanzen sterben. Alle Wesen dieser Welt sind vergänglich.“
„Meister, und wie ist es mit unbeseelten Dingen, mit allen Gegenständen dieser Welt, müssen die auch vergehen?“
„Alle Dinge, alle Gegenstände, die eine bestimmte Form haben, werden diese wieder verlieren und vergehen. Das ist ein ewiges Gesetz unseres Universums, mein Sohn“, antwortete der Abt gütig.
„Ich verstehe. Alle Lebewesen und alle Dinge sind vergänglich. Aber sagt nun, Meister, ist es dann richtig, wütend oder traurig zu sein, wenn ein Lebewesen nicht mehr da ist oder wenn ein Gegenstand seine bestimmte Form verloren hat?“
Da lachte der Abt und antwortete: „Es ist natürlich falsch, darüber zu klagen. Ja es ist sogar töricht, sich gegen eine höhere Ordnung zu stellen. Nur wer die Dinge nimmt, wie sie sind, zeigt wahre Demut. Aber sag mir, mein Sohn, worauf willst du eigentlich hinaus?“
Da nahm der Mönch das Bananenblatt und öffnete es vor dem Abt. Entsetzt erkannte dieser die Scherben der wertvollen Vase, bekam einen hochroten Kopf uns wollte gerade zu schimpfen anfangen, als er sich an seine eigenen Worte erinnerte. Der Abt atmete tief durch und verneigte sich dann vor dem jungen Mönch. Dabei glitt ein anerkennendes Lächeln über sein Gesicht.

(aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers“ von Ilona Daiker u. Michael Eppinger – GU Verlag)

Linsengericht

Eines Tages saß Diogenes auf der Schwelle irgendeines Hauses und aß einen Teller Linsen.

In ganz Athen gab es kein billigeres Essen als dieses Linsengericht. Anders gesagt, einen Teller Linsen zu essen bedeutete, dass man sich in einer äußerst prekären Situation befand. 

Ein Minister des Kaisers sagte zu ihm: „Wie bedauerlich für dich, Diogenes! Wenn du lernen würdest, etwas unterwürfiger zu sein und dem Kaiser ein bisschen mehr zu schmeicheln, müsstest du nicht so viele Linsen essen.“

Diogenes hörte auf zu essen, hob den Blick, sah den wohlhabenden Gesprächspartner fest an und antwortete. „Bedauerlich für dich, Bruder. Wenn du lernen würdest, ein paar Linsen zu essen, müsstest du nicht so unterwürfig sein und dem Kaiser ständig schmeicheln.“

(aus „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay, Fischer Taschenbuch)

Lob der Langsamkeit

Ein Kutscher, der seine wertvolle Fracht noch am selben Tag in die Stadt bringen sollte, traf a einer Weggabelung einen Gemüsehändler auf seinem Esel. Weil er sich nicht sicher war, wie weit es noch in die Stadt war, fragte er: „Bruder, schaffe ich es, heute noch vor dem Abend in die Stadt zu kommen?“
Der Gemüsehändler nickte bedächtig: „Sicher schaffst du das, aber du musst langsam fahren.“
Der Kutscher bedankte sich, glaubt aber, an einen Verrückten geraten zu sein. Langsam fahren, um schneller anzukommen, solch ein Unsinn! Er trieb seine Pferde an, schneller zu laufen. Der Weg in die Stadt wurde jedoch zunehmend schlechter, die Löcher im Boden immer tiefer und es kam, wie es kommen musste: In einer Kurve jagte der Kutscher sein Gespann direkt in ein großes Loch, ein Rad brach ab, das Gespann kippte um die wertvolle Ladung ergoss sich auf die Straße.
Währen der Kutscher noch fluchend seine Güter einsammelte, kam in einiger Entfernung der Gemüsehändler aus seinem Esel auf ihn zu. Als er ihn erreicht hatte, sprach er ihn freundlich an. „Mein Bruder, warum hast du meine Warnung nicht beachtet? Habe ich dir nicht geraten langsam zu fahren? Ich werde mit meinem langsamen Esel die Stadt noch vor Abend erreicht haben, du aber wirst dort nicht ankommen, bevor die Stadttore geschlossen werden.“


(aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers“ von Ilona Daiker u. Michael Eppinger – GU Verlag)

Eine sanfte Lehrerin

Da eine meiner besten Freundinnen momentan einer Liebe wegen in Übersee ist, kümmere ich mich unterdessen um ihren Hund – eine Aufgabe, die ich nur zu gern übernehme.
Als ich ihren Hündin Missy vor ein paar Monaten zum ersten Mal begegnete, war diese erste kurz bei meiner Freundin, der benachbarte Tierarzt hatte darum gebeten, sie aufzunehmen. Während ihres noch jungen Lebens war Missy schwer misshandelt worden, sie litt unter extremen posttraumatischen Störungen.
Wann immer ich sie besuchte, musste meine Freundin Missy sanft an der Leine in unsere Richtung ziehen, damit sie sich überhaupt zu uns traute. Wenn wir es nicht so machten, rannte Missy ungefähr zehn Minuten lang hin und her, wie sie zwar zu uns wollte, sich jedoch nicht traute; mit jedem Schritt kam sie etwas näher, rannte dann wieder weg und kam wieder ein Stück näher.
War sie erst einmal in unserer Reichweite, ließ sie sich gern streicheln und war voller Hingabe. Ja, sobald wir einmal damit angefangen hatten, wollte sie gar nicht wieder davon Ablassen. Sie konnte einfach nicht genug bekommen. Allerdings waren ihre Hinterläufe so schwach, dass sie Angst davor hatte, sich ganz aufzurichten; sie zeigte immer noch Symptome aus der Zeit, in der sie so schlecht behandelt worden war, und war immer halb in der Erwartung, gleich wieder angeschrien oder geschlagen zu werden, das arme, hübsche kleine Wesen.
Wenn wir dann aufhörten und nach drinnen gingen, um zu Mittag zu essen, vergaß Missy das zuvor erlangte Vertrauen nahezu vollständig. Das ganze Prozedere musste von vorn bis hinten wiederholt werden, nur um ihr die so dringend benötigte Liebe schenken zu können; sie wiederum musste trotz ihrer Angst lernen, diese Liebe zu empfangen, damit sie ihr großes Bedürfnis stillen konnte.
Offensichtlich hatte sie das ideale Zuhause gefunden. Meine Freundin hat sechs eigenen Kindern das Leben geschenkt und strahlt auf ganz natürliche Weise die liebevolle Energie einer Mutter aus. Und genau da brauchte Missy. In den paar Monaten, die ich diese reizende Hündin nun kannte, hat sich Missy dank der liebevollen Zuwendung meiner Freundin Schritt für Schritt in einen ganz neuen Hund verwandelt. Allerdings zeigt sie leider immer noch einige Symptome ihres Traumas. Bei den meisten Menschen führt sie nach wir vor ihren Weglauf-Tanz auf, bevor sie sich ihnen nähert. Aber Tag für Tag nimmt ihr Vertrauen ein wenig zu.
In den letzten zwei Wochen ist die Bindung zwischen Missy und mir mit jedem Tag etwas enger geworden. Wir haben lange Spaziergänge unternommen, viele Zärtlichkeiten ausgetauscht und haben einen so intensiven Augenkontakt miteinander, wie es einem Hund überhaupt möglich ist. Sie hat eine wunderschöne Seele, und ich mag mir gar nicht vorstellen, was diese liebe Hündin erlitten haben muss.
In gemeinsamen Momente der Ruhe hat Missy mittlerweile so viel Vertrauen zu mir, dass sie sich auf den Rücken wälzt und sich den Bauch kraulen lässt. Wenn ich stehe, springt sie ganz sanft an mir hoch, um mir näher zu sein: Dann legt sie ihre Pfoten auf meine Oberschenkel und schaut mich mit ihren schönen Augen an. Um zum ersten Mal, seit ich sie kenne, erlebe ich nun, dass sie mit dem Schwanz wedelt, wenn sie mit mir im Garten herumläuft oder wann immer ich mir ihr spreche.
Diesen Wandel zu beobachten ist wirklich herzerwärmend, und er hat mir gezeigt, welch enorme Kraft in Vertrauen und Mut steckt. Missy ist das mutigste und vertrauensvollste Wesen, das mir seit langem begegnet ist. Obwohl sie unter den Folgen schwerer Verletzungen leiden musste, riskiert sie es, sich abermals auf jemanden einzulassen, wieder Liebe zuzulassen und zu erkennen, dass nicht jeder so wie die Menschen in ihrer Vergangenheit. Die bedingungslose Liebe, die Hunde ihren Begleitern schenken, kann bereits in guten Zeiten uns allen eine Lehre sein. Und wenn ich den Mut beobachte, mit dem Missy versucht, wieder Vertrauen zu schöpfen, dann denke ich, dass ihr auch die Rolle einer sanften Lehrerin zukommt. Wenn sie es wagt, wieder Vertrauen zu fassen, weiß sie nicht, was auf sie zukommen wird. Sie weiß nur, dass sie erneut versuchen muss zu vertrauen, um Liebe zuzulassen und damit sie wieder glücklich sein kann.
Wenn doch nur alle Menschen auf der Welt, die ein Trauma oder Ängste aus vergangenen Verletzungen mit sich herumtragen, den gleichen Mut wie Missy hätten! Wir gut wäre es, wenn sie versuchten, erneut ihr Herz zu öffnen und zu erkennen, dass nicht jeder, dem sie momentan oder künftig begegnen, genauso ist wie die Menschen in ihrer Vergangenheit.
Zu beobachten, wie diese entzückende Hündin mit ihrem Schwanz wedelt oder mich mit ihren Augen anlächelt, ist zutiefst beglückend. Und das Gleiche ist der Fall, wenn wir Menschen erleben, die mit ebensolchem Mut und Vertrauen Veränderungen an ihrem Leben vornehmen.
Ich wünsche Ihnen, liebe Freunde, Tapferkeit und Glück!

(aus „Leben ohne Reue“ von Bronnie Ware)

Das Meisterwerk

In einem Doppelzimmer im Krankenhaus lagen zufällig zwei Männer, die beide Kunst studiert hatten. Der einne war nach dem Studium Lehrer geworden, der andere freier Maler. Der Maler hatte es inzwischen zu internationaler Berühmtheit gebracht, viele seiner Werke hingen in Museen und fanden hohe Beachtung. Trotz gleicher künstlerischer Anschauung fühlte sich der Lehrer in ihren Gesprächen immer etwas unterlegen. Mit der Zeit aber wurden beide gute Freunde, hatten sie nicht nur die gleichen Interessen, sondern auch denselben Feind – ihre unheilbare Krankheit.
Die Familie des Lehrers sorgte sich sehr um ihn. Er bekam fast täglich Anrufe und mehrmals die Woche Besuch. Über seinem Nachtkästchen hingen Fotos, Postkarten und Zeichnungen, die ihm seine Kinder und Enkel geschenkt hatten. Der bekannte Maler hingegen bekam fast nie Besuch und nur geschäftliche Post.
Eines Abends lagen die beiden in ihren Betten, konnten nicht einschlafen und unterhielten sich wie so oft über ihr Leben. Unvermittelt gestand plötzlich der Lehrer dem Maler, dass er nur zu gern wenigstens ein Meisterwerk geschaffen hätte. „In meiner Vorstellung sehe ich es immer wieder vor mir. Aber ich habe es nie geschafft, das innere Bild mit Pinsel und Farbe umzusetzen. Mein ganzes Leben lang träumte ich vergeblich von einem Meisterwerk, sie Sie schon so viele geschaffen haben, aber ich bin jämmerlich daran gescheitert“, klagte er.
Fast erbost antwortete ihm da der Maler: „Sie verdammter Narr, was reden Sie da! Haben Sie  noch immer nicht verstanden, dass jeder Mensch nur ein einziges Meisterwerk schaffen kann, und das ist sein Leben? Was er damit anfängt, wie er mit such und den anderen umgeht, ob er sein Herz öffnen und das zu geben bereit ist, was er zu geben hat – darauf kommt es an. Kommen meine wertvollen Bilder etwa hier zu Besuch? Bringen sie mir Aufmerksamkeiten? Trösten sie mich? Nein, sie hängen jetzt allein in dunklen Museen. Und ich? Ich hänge hier ebenso einsam herum.“

(aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers“ von Ilona Daiker u. Michael Eppinger – GU Verlag)

Tag der Sinne - Erzählung von einer Yogawanderung

„Dieser Tag war ein Urlaubstag und ein Fest der Sinne.“ Teilnehmerin nach der Wanderung.
08.30 Uhr Treffpunkt in Waischenfeld am Bischof-Nausea-Platz. Hier treffen sich die Teilnehmer für die heute Yogawanderung. Los geht es mit einem Gang über den historischen Marktplatz hoch zur Burganlage. Am Aussichtspunkt der Burg genießen wir den herrlichen Blick über das Städtchen Waisenfeld, mit einer kleinen Ortsbesichtigung wie aus der Luft.
Nach dieser herrlichen Aussicht machen wir uns auf den Weg Richtung Aufeßtal. Auf dem Weg nach Heroldberg lassen wir uns auf einer kleinen Wiese nieder, um unsere erste Meditation des Tages zu genießen. Überwältigt von der Schönheit der Natur, der Stille und den Naturgeräuschen lassen wir uns im Gras oder unseren Yogamatten nieder. Während der geführten Meditation nehmen wir die Naturgeräusche wahr und ziehen unsere Sinne während der Meditation immer weiter in uns zurück, um uns selbst zu spüren. Die Lebendigkeit und die Eigenständigkeit unseres Seins. Eine kleine Reise zu uns selbst, bevor wir wieder ins Außen, in diese friedvolle Natur zurückkehren.
Für unsere erste Yogapraxis des Tages suchen wir uns in einem „Märchenwald“ einen schönen leicht mit Sonnenschein durchfluteten Platz und praktizieren auf wunderbar weichem Moss. Eine etwas sanftere Praxis, die uns aber auch spielerisch und mit Leichtigkeit an Grenzen bringt. In die Praxis bauen wir auch Bewegungsintelligenz für den Alltag ein, um die Yogapraxis auch nachhaltig in den Alltag integrieren zu können. Am Ende der Stunde ereignet sich eine lustige Begebenheit. Beim Chanten des ersten Abschluss OMs, krachte im Wald neben uns eine altes Baumstück zu Boden, so dass ich kurzzeitig überlegte, ob ich die weiteren OM folgen lassen sollte.
Als wir aus dem Wald kamen, lag die klein Ortschaft Seelig wie gemalt vor uns und wir gingen über einen Feldweg, an einem Sonnenblumenfeld vorbei. Ein Bauer war gerade dabei sein Feld zu bearbeiten, so dass man den Geruch von frischer Erde in der Nase hatte. Am Waldrand, Feldrain und eine Straßenüberquerung später befanden wir uns auf dem Weg, der uns direkt ins Aufseßtal führen sollte.  Neben der ein oder anderen kulinarischen Naturköstlichkeit, wie Brombeeren, verschiedene Kräuter, gab es zu Beginn des Weges noch eine stattliche Anzahl von Königskerzen zu bestaunen.
Auf dem Weg in Aufseßtal staunten wir immer wieder über stattliche Felsen, die den Weg zu Teil säumten, aber auch im Wald gegenüber zu sehen waren. Dabei entwickelte sich auch ein lustiges Spiel, welche Skulpturen konnte man in den Felsformationen erkennen.
Ein besonders schönes Bild bot eine wohl noch aus den Urmeeren angelegte, alte Wasserrinne, die gegenüber unseres Weges ins Tal führte und in der sich inzwischen Immergrün angesiedelt hatte, das im einfallenden Sonnenschein wie ein sich schlängelnder grüner Fluss aussah.
In unserer Raststätte, Kuchenmühle angekommen, fanden wir ein wunderbar schattiges Plätzchen unter einer Linde am Bach – Aufseß. Ein für diesen Tag dort stattfindendes Oldtimer-Treffen war erst für den Nachmittag angesetzt, so dass wir hier in Ruhe unsere Mittagspause verbringen konnten. Mit einem kühlen alkoholfreien Weißbierchen und den Füßen im erfrischend kühlen Flusswasser genossen wir unsere mitgebrachten Speisen.
Während unseres Aufenthaltes trafen dann die ersten Oldtimer in Form von alten Motorrädern, wie einer BMW aus dem Jahr 1923, ein. Die Fahrer auch authentisch in alten Lederlatzhosen und Stiefel. Wir haben die Fahrer bei herrlichem Sonnenschein in ihren Lederoutfits nicht beneidet.
Nach einer ausgiebigen Mittagspause machten wir uns wieder auf dem Weg in Richtung Doos. Am Haus Aufseßtal gibt es einen Barfußpfad, den wir in unser meditatives Gehen einbauten. Erst eine kleine Runde meditatives Gehen, dann war Myofasziale Release Technik für die Füße angesagt, um danach noch einmal den Unterschied des Gehens zu erspüren. Als wir gerade mit der Myofaszialen Release Technik begonnen hatten, kam ein Pärchen mit ihren Rädern des Weges, die wir schon an der Kuchenmühle getroffen hatten. Als sie neugierig fragen, was wir da machen, erklärte ich es ihnen und lud sie ein mitzumachen. Die beiden sagten erstaunlicherweise spontan zu und machten mit. Während wir nun in unsere zweite Runde des Erspürens mit allen Sinnen gingen, schwangen sie die beiden wieder auf ihre Fahrräder. Bevor sie jedoch weiterfuhren, bedanken sie sich mit den Worten: „Vielen Dank, Wahnsinn, wie anders und gut sich unsere Füße jetzt anfühlen!“
An der Örtlichkeit gibt es auch eine frei schwingende Platte, auf der man stehen kann. Jeder stellte sich einmal auf die Platte, um erst ohne Schwingung und dann mit leichter Schwingung der Platte seinen Körper zu spüren. Teilweise mit offen, aber auch mit geschlossenen Augen.
Es war fast schwer, sich von diesem spüren der verschiedensten Untergründe mit den nackten Füßen und teilweise geschlossen Augen, zu trennen. Wir liefen durch leicht feuchtes Gras, über verschiedene Steine, Sand, Tannenzapfen, Holzstücke und Steinplatten. Beim meditativen Gehen darf man auch alles um sich herum in „Zeitlupe“ erleben und wahrnehmen. Jeder Blümchen beschnuppern, jedes Tierchen beobachten und das Wetter, ob leichten Wind oder die wärmende Sonne auf der Haut spüren. Kurz vor dem Ende der Wanderung durften wir sogar noch den Regen spüren.
Noch schnell eine Lilienblüte genascht, machten wir und auf durchs Wiesenttal zurück zu unserem Ausgangsort. Am Himmel zogen dunkle schwere Wolken auf. Wir erreichten die Mühle in Rabeneck, was uns kurz überlegen ließ, hier abzuwarten, ob der Regen auch tatsächlich kommen würde. Doch entschlossen wir uns weiterzugehen. Auf halber Strecke nach Rabeneck, setzte dann aber doch ein Platzregen ein. Wir fanden noch ein wenig Schutz unter den Blättern der Bäume, doch waren die dicken Regentropfen so stark, dass das Blätterwerk der Bäume nicht lange standhielt und das Nass zu uns durchdrang. Wir liefen nun weiter, um uns in Rabeneck, unter einen überdachten Wanderfreisitz zu retten. Hier warteten wir den größten Regen ab. Und als zusätzliches Schauspiel fuhren die Oldtimer vom Oldtimertreffen direkt an uns vorbei, es war alles dabei, vom uralt Audi, Porsche, Ente bis zur Isetta. Nachdem der Regen stark nachgelassen hatte, ging es weiter in Richtung Waischenfeld. Kurz vor Waischenfeld hörte der Regen schließlich auf.
Nachdem nun natürlich alles zu nass war, um noch eine Yogapraxis in der Natur zu genießen, nutzten wir kurzerhand die Wellnessvilla, um uns umzuziehen, einen Tasse Tee zu trinken und dann unser letzte Yogasequenz für diesen Tag zu genießen.
Im Anschluss hatte meine Frau noch eine kleine Leckerei und ein wenig Obst für uns vorbereitet. Während einer kleinen Feedbackrunde viel dann der oben genannte Satz. Eine andere Teilnehmerin sagte sie habe ein schönes Wort für ihren gerade gefühlten Zustand gefunden. Sie fühle sich beseelt von diesen wunderschönen Erlebnissen des Tages. Auch mir hatte der Tag unendliche Freude bereitet und mir ein schönes Gefühl der Freude geschenkt.  Inzwischen schien auch wieder die Sonne, so dass die Teilnehmenden gut gelaunt und voller Freude die Heimreise antreten konnten.


Der Spiegeltempel

Vor langer Zeit stand in Indien ein Tempel mit unzähligen Spiegeln im Innenraum. Über tausend sollten es sein, sagten die Leute. Zufällig streunte eines Tages ein großer Hund um den Tempel und bemerkte die geöffnete Tür. Da kein Mensch in der Nähe war, schlich er sich in den Innenraum. Hunde wissen natürlich nicht, was Spiegel sind, und deshalb erschrak er sehr, als er sich plötzlich von unzähligen anderen Hunden umgeben sah. In seinem Schreck begann er die Zähne zu fletschen. Die anderen Hunde taten es ihm gleich, uns so sah sich der verängstigte Hund unzähligen zähnefletschenden Hunden gegenüber. So etwas hatte er noch nie erlebt. So schnell er konnte lief er aus dem Tempel und versteckte sich im nächsten Gebüsch. Dieses schreckliche Erlebnis prägte den Hund für immer. Fortan mied er alle anderen Hunde in der tiefen Überzeugung, dass sie ihm feindlich gesinnt waren. Die Welt war für ihn ein bedrohlicher Ort geworden, von dem er sich so weit wie möglich zurückzog.
Verbittert und verunsichert verbrachte er seine Tage in Einsamkeit bis zu seinem Lebensende.
Wie es der Zufall wollte, kam einige Wochen später ein junger Hund am Spiegeltempel vorbei. Auch dieses Mal befand sich kein Mensch in der Nähe, und der Hund spazierte durch die offene Tür. Natürlich musste auch er nicht, was Spiegel sind, und sah sich ebenfalls sofort von unzähligen Hunden umgeben, als er den Innenraum betreten hatte. Leicht verwirrt begann der Hund zu lächeln und blickte umgehend in freundlich lächelnde Hundegesichter. Erfreut wedelte er daraufhin mit seinem Schwanz und die unzähligen anderen Hunde taten es ihm nach. Die Fröhlichkeit des Hundes wuchs von Minute zu Minute. So etwas hatte noch nie erlebt, so viele froh gesinnte Hunde, die ihn offensichtlich freudig begrüßten. Lange bleib er bei den vielen Hunden, bis er Schritte hörte und den Tempel schnell verließ. Diese Erfahrung vergaß der junge Hund nicht mehr. Er war fest davon überzeugt, dass ich alle anderen Hunde freundlich gesinnt waren, und suchte ihren Kontakt. Die Welt war für ihn ein freundlicher Ort. Zusammen mit anderen Hunden lebte er glücklich bis an sein Lebensende.

(aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers“ von Ilona Daiker u. Michael Eppinger – GU Verlag)

Der Glück bringende Dämon

Khalil, ein armer, junger Mann, arbeitete hart, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. So sehr er sich aber auch anstrengte, sein Einkommen reichte einfach kaum zum Leben und schon gar nicht dafür, eine Frau zu bekommen. Als er hörte, dass weit entfernt in einer Höhle auf dem Berg ein Dämon lebe sollte, der das Schicksal der Menschen günstig beeinflussen konnte, beschloss er, sein Glück bei ihm zu versuchen. So machte es sich eines Tages auf den Weg.
Unterwegs traf er auf einen Wolf. „Wo willst du hin?“, wollte dieser von ihm wissen. „Ich gehe zum Dämon in der Berghöhle, damit er mir Glück schenkt.“, antwortete der junge Mann. „Frag ihn doch, wenn du ihn triffst, warum ich immer so furchtbaren Hunger habe.“, bat der Wolf. Der junge Mann versprach es und zog weiter.
Am nächsten Tag begegnete Khalil einem jungen Mädchen, das traurig am Ufer eines kleinen Sees saß. Auch sie wollte von ihm wissen, wohin er ginge, und er gab ihr dieselbe Antwort wie dem Wolf. „Ich bin immer so traurig. Frag doch bitte den Dämon, warum das so ist.“, bat das Mädchen, und auch ihr gab Khalil das Versprechen, dem Dämon ihre Frage zu stellen.
Als er fast den Berganstieg erreicht hatte, hörte er einen großen alten Baum rufen: „Wohin willst du junger Freund?“ Nachdem Khalil ihm geantwortet hatte, bat ihn der Baum: „Wenn du den Dämon triffst, frage ihn doch bitte, warum ich immer so durstig bin, obwohl ich doch direkt am Fluss stehe. Und Khalil, der ja ein netter Kerl war, versprach auch dem Baum, dem Dämon seine Frage zu stellen. Dann machte er sich an den steilen Aufstieg. Oben angekommen, entdeckte er die Höhle sofort und sah den Dämon davor auf einem großen Stein sitzen. Freundlich lächelte er ihn an und der junge Mann begann zu sprechen: „Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet, mir nie etwas zu Schulden kommen lassen, aber ich habe einfach kein Glück. Ich bin so arm, dass keine Frau mich will, und habe oft nicht einmal genug, um satt zu werden. Könntest du nicht mein Schicksal zum Besseren wenden, damit auch ich einmal Glück im Leben habe?“
Der Dämon nickte verständnisvoll und ließ ihn wissen, dass sich sein Schicksal ab sofort zum Guten wenden würde. Dann schickte er ihn ins Tal zurück. Khalil war so überglücklich, dass er beinahe die drei Fragen vergessen hätte, die ihm der Dämon dann aber bereitwillig beantwortete. In bester Laune machte sich Khalil daraufhin auf den Weg ins Tal – wollte es seinem doch so bald wie möglich begegnen.
In freudiger Erwartung lief er so schnell, dass er den Baum völlig übersehen hätte, wenn dieser ihn nicht angerufen hätte. „Hast du eine Antwort für mich?“ „Ach ja“, rief er im Vorbeieilen dem Baum zu, „der Dämon meinte, dass du nicht genug Wasser bekommst, weil auf deinen Wurzeln ein großer Sack mit Goldstücken liegt. Sei mir nicht böse, aber ich muss schnell weiter, weil ein glückliches Schicksal auf mich wartet.“
Den Baum hatte er schon ganz vergessen, als er das Mädchen am See sitzen sah. „Hast du den Dämon meine Frage gestellt?“, wollte es wissen. „Aber sicher“, antwortete Khalil und wandte sich schon fast wieder von ihr ab. „Der Grund für deine Traurigkeit ist deine Einsamkeit.“ Aber der Dämon meinte, ein gutaussehender junger Mann käme bei dir vorbei, in den du dich verleibst und mit dem du ein glückliches Leben führen würdest. Sei mir nicht böse, aber ich muss jetzt sofort weiter, denn mein Glück wartet schon.“
Kurz vor seinem Heimatdorf traf er völlig außer Atem auf den Wolf. „Hast du vom Dämon eine Antwort auf meine Frage bekommen?“, wollte dieser wissen. „Oh ja, deine Frage habe ich nicht vergessen.“, antwortete ihm Khalil. „Der Dämon hat mir Folgendes geantwortet: Du bist so hungrig, weil du nie genug zu fressen hast. Sollte aber der Narr so weit gekommen sein, dir das mitzuteilen, kannst du ruhig ihn fressen.“

(aus „Das Kaleidoskop des weisen Händlers“ – Geschichten für ein offenes Herz und einen wachen Geist von Ilona Daiker/Michael Eppinger – Gräfe und Unzer Verlag GmbH 2017)

Warum wir lügen
„Ist ihnen nicht klar“, sagte der Richter in einem Mordprozess zum Angeklagten, „dass auf Falschaussagen eine sehr hohe Strafe steht?“
„Doch“, entgegnet der Beschuldigte, „aber die ist lange nicht so hoch wie bei einem Tötungsdelikt.“
Das erklärt, warum die Menschen oft lügen: weil die Strafe dafür gewöhnlich viel geringer ausfällt als die Strafe, die mit dem Sagen der Wahrheit verbunden wäre.
So suchte vor einigen Jahren einmal ein junges Mädchen meinen Rat, weil sie von ihrem Freund schwanger war. „Warum wenden Sie sich damit nicht an Ihre Mutter oder Ihren Vater?“, erkundigte ich mich.
„Machen Sie Witze?“, gab sie mir zurück. „Die würden mich umbringen!“
Also belog sie ihre Eltern lieber.
Es ginge auf unserer Welt weit glücklicher und gerechter zu, wenn Ehrlichkeit so hoch bewertet würde, dass die Strafe dafür, die Wahrheit zu sagen, immer geringer ausfiele, als die für die Lüge.  Die einzige Möglichkeit, dies zu erreichen, wäre eine allgemeine Amnestie, Straffreiheit für alles, solange nur die Wahrheit gesagt wird.
Dann können die Söhne und Töchter ihren Eltern gegenüber auch die beschämenden Dinge eingestehen, denn sie wüssten ja, dass sie nicht dafür bestraft, nicht einmal getadelt würden, sondern dass sei Hilfe erhielten. Wenn Kinder in Schwierigkeiten geraten, brauchen sie in erster Linie die Unterstützung ihrer Eltern. Unter den jetzigen Umständen aber haben sie viel zu viel Angst, sich ihnen anzuvertrauen. Auch Ehepartner könnten einander in vollkommener Ehrlichkeit begegnen und ihre Probleme auf diese Weise lösen, statt unter den Teppich zu kehren.
Eines möchte ich allen Eltern, die diese Geschichte lesen, hinter die Ohren schreiben: Bitte sagt euren Kindern, dass ihr sei, wenn sie die Wahrheit sagen, nie bestrafen und ihnen keine Vorhaltungen machen werdet, was immer sie auch getan haben mögen.
Und dies geht an alle Paare: Versprecht einander, dass in eurer Beziehung die Ehrlichkeit über alles geht und ihr dass ihr nie mit Bestrafungen und Drohungen reagieren werdet, nicht einmal auf einen Seitensprung, sondern dass ihr euch eure Schwächen vergeben, gemeinsam daran arbeiten und alles dafür tun werdet, dass sich derartige Vorfälle nicht wiederholen.
Und dann haltet dieses Versprechen.
Wo Strafe droht oder auch nur die Rüge, wird die Wahrheit nie gesagt werden.
Deshalb kennen wir im Buddhismus keine Strafen.
Nach den Jahren der Apartheid in Südafrika brauchte es den moralischen Mut und die Weisheit von Führungspersönlichkeiten wie Nelson Mandela und Erzbischof Tutu, um die erste Wahrheits- und Versöhnungskommission ins Leben zu rufen. Sie hatten verstanden, dass die Enthüllung dessen, was sich in jenen brutalen Jahren tatsächlich abgespielt hatte, wichtiger war als die Bestrafung der Täter.
In diesem Zusammenhang gibt es eine Episode, die ich auch heute noch als inspirierend empfinde. Ein weißer Polizeibeamter legte ein Geständnis ab und beschreib in allen Einzelheiten, wie er einen politischen Aktivisten schwarzer Hautfarbe gefoltert und schließlich getötet hatte. Er machte die Aussage in Anwesenheit der Witwe des Ermordeten.
Ihr Mann hatte als vermisst gegolten, und nun hörte die Frau zum ersten Mal, was mit dem Menschen, dem ihre ganze Liebe galt, dem Vater ihrer Kinder, wirklich geschehen war.
Während er sich zur eingehenden Schilderung der bösartigen Grausamkeit seiner Taten zwang, weinte der Polizeibeamte und zitterte am ganzen Leib. Als er sein Geständnis beendet hatte, sprang die Witwe über die Absperrung, die die Zeugen vor Angriffen schützen sollte, und rannte geradewegs auf den Mörder ihres Mannes zu. Die Wärter waren so verdutzt, dass sie nicht gleich reagieren konnten.
Der schuldbewusste Polizeibeamte rechnete mit einem gewalttätigen Racheakt der Witwe und hätte ihn klaglos über sich ergehen lassen. Doch die Frau wollte ihn gar nicht angreifen. Vielmehr nahm sie den Mörder ihres Mannes, der nur stocksteif dastand, sanft in ihre starken schwarzen Arme und sagte: „Ich verzeihe Ihnen.“ So bleiben die beiden eine Weile stehen, tief versunken in dieser Geste der Versöhnung. Allen Anwesenden kamen die Tränen, lange konnten sie gar nicht aufhören zu weinen. Die Vergebung des Unverzeihlichen gab ihnen Hoffnung. Hoffnung daruf, dass ein harmonisches Zusammenleben der Angehörigen verschiedener Rassen auch in ihrem Land möglich wäre. Und dass sie in Zukunft oder Angst würden leben können.
Wenn man den brutalen Folterer und Mörder einer geliebten Person verzeihen kann, welche Tat sollte man dann nicht vergeben können.
Nur wo es Vergebung gibt, kann es auch Wahrheit geben.

(aus „Der Elefant der das Glück vergaß“ von Ajahn Brahm – Lotos Verlag)

Die erste Yogawanderung in diesem Jahr

Los ging es von der Touri-Info Neubürg an der Therme in Obernsees. Am Vortag hatte es noch geregnet und der Tag war noch kühl mit Sonnenschein. An einem kleinen Bachlauf entlang, geht es durch das idyllische Obernsees. Nach ca. 10 Minuten geht es dann an den Anstieg Richtung Neubürg.
Der erste Anstieg liegt im Wald, die Sonne hat schon gut an Intensität gewonnen und wir spüren die erfrischende, kühle Waldluft auf unserer Haut. Teilweise ist der Weg von Heidelbeeren zur einen, und schönem grüner Farn zur anderen Seite gesäumt.
Am Wegrand ein umgestürzter Baum, der uns gleich zum Spielen einlädt, eine kleine Balanceübung, für alle die sich ausprobieren wollen, bevor es weiter geht.
Der erste Anstieg ist geschafft, vor uns liegen bereits goldgelbe Weizenfelder. Wir nutzen diesen wunderbaren Ort für unser erste Station, eine kleine Meditation für Innere Gelassenheit und Freiheit.
Während wir weiter gehen, säumen die Weizenfelder unseren Weg. Durch den starken Regen am Vortag, entdecken wir ein paar Pfützen auf dem Weg, die wir gleich für ein schönes erfrischendes Fußbad nutzen. Barfuß das nicht kalte, aber noch kühle Wasser am Morgen zu spüren.
Noch ein kurzes Stück und wir können schon das erste Mal die Neubürg erblicken. Unter uns der warme feuchte Boden, die Grillen zirpen, die Vögel zwitschern und wir genießen die wärmende Sonne auf unserer Haut.
Bevor wir die Neubürg erreichen, nutzen wir einen schattigen Platz für unsere erste Yogapraxis. Wir genießen es, den Körper zu dehnen und zu räkeln, bevor wir in eine kraftvolle Yogapraxis eintauchen, in der für die Tour Neubürg der Drachenflug nicht fehlen darf. Nach Savasana zum Abschluss geht es weiter, das letzte Stück hoch zur Neubürg. Wir beobachten den majestätischen Flug eines Bussards, wie er langsam durch die Lüfte ins Tal gleitet. Wir hören ein Knacken im Unterholz, ein Reh kreuzt unseren Weg, bevor es hüpfend im nächsten Wald verschwindet.
Auf der Neubürg (587 m) angekommen, laufen wir eine Runde um das Hochplateau des fränkischen Tafelberges und lassen uns dann in einem schattigen Plätzchen nieder, für unsere Mittagspause. Einige sitzen im Schatten und andere erkunden die Neubürg mit ihren verschiedensten Skulpturen, die über die Jahre hier entstanden sind.
Alle gut ausgeruht und wieder startklar geht es durch den Ort Wohnsgehaig zum Via Imperiales, einem alten Handelsweg, der von Hollfeld kommend über Creußen nach Eger führte. Ein wunderbarer märchenhafter Weg durch den Wald, der Abstieg nach Plankenfels vergeht wie im Flug.
Was aber in diesem Teilstück interessant zu spüren war, ist die Tatsache, wie heilsam und wohltuend ein konventionell gepflegter Wald auf uns wirkt. Und wie seltsam sich ein Wald anfühlt, in dem mit dem Harvester industriell gearbeitet wird.
In Plankenfels angekommen, geht es über das Lochautal hoch zum Plankenstein. Wir erfrischen kurz unsere Füße in der klaren, frischen Lochau. Wandern ein Stück des Lochautals entlang, bevor es hoch zum Plankenstein geht. Am Plankenstein angekommen genießen wir erst einmal den wunderbaren Ausblick über das Land, bevor wir uns zu Pranayama auf dem Felsen niederlassen.
Die Lungen voller neuem Sauerstoff und frischer Energie geht es weiter über Meuschlitz zum Wachstein. Es gibt wieder einen wunderbaren Ausblick zu genießen und von hier können wir schon unseren Ausgangs- und Zielort Obernsees sehen. Am Vortag war hier wohl ein Johannifeuer, der Geruch der Asche liegt noch in der Luft. Wir gehen noch ein Stück Richtung Ziel und lassen uns in einer Wiese für unsere letzte Yogapraxis nieder. Eine sehr regenerative Yogaeinheit, um unserem Rücken wieder länge zu geben und den Beinen Regeneration. Nach dieser sanften Praxis machen wir
uns an die letzte kurze Etappe. Ca. 20 Minuten später sind wir zurück an der Therme. Ein wunderschöner Yogawandertag war zu Ende. So begeistert von diesem Tag äußerte ich: „Das muss ich unbedingt wiederholen.“  Und spontan kam von einer Teilnehmerin: „Ich bin dabei!“


Hier noch ein paar Impressionan von dem Tag:


Neubürg: https://neubuerg-fraenkische-schweiz.de/ueber-uns/neubuerg

Plankenstein: https://de.wikipedia.org/wiki/Plankenstein

Die Pforten des Paradieses

Ein mächtiger Samurai beschloss, seine spirituelle Bildung zu vertiefen. So machte er sich auf, einen berühmten buddhistischen Mönch zu suchen, der als Einsiedler hoch in den Bergen lebte.
Als er ihn gefunden hatte, forderte er: „Lehre mich, was Himmel und Hölle sind!“
Der alte Mönch sah langsam zu dem muskelbepackten Samurai auf, der über ihm stand und musterte ihn von Kopf bis Fuß.
„Dich lehren?“ kicherte er. „Du musst sehr dumm sein, wenn du denkst, ich könnte einen wie dich etwas lehren. Schau dich an, du bist unrasiert, du stinkst, und dein Schwert ist wahrscheinlich verrostet.“
Der Samurai geriet in Wut. Sein Gesicht wurde rot vor Zorn, als er sein Schwert zog, um dem lächerlichen Mönch, der da vor ihm saß, den Kopf abzuschlagen.
„Das“, sagte der Mönch ruhig, „ist die Hölle.“
Der Samurai ließ sein Schwert fallen. Erst überkam ihn Reue, dann tiefe Zuneigung zu dem alten Mann.
Dass dieser Mönch sein Leben riskiert hatte, um einen völlig Fremden etwas zu lehren, erfüllte sein Herz mit Liebe und Mitgefühl. Tränen stiegen in seine Augen.
„Und das“, sagte der Mönch, „ist der Himmel.“

(Aus "Die spirituelle Schatzkiste" von Arjuna P. Nathschläger)

Viele Meister lehren nicht nur durch das gesprochene Wort, sondern provozieren ihre Schüler oder Gäste und führen damit zu tieferen Einsichten.
Der Mönch verwendete das Ego des Samurai, um ihn zu provozieren und ihm eine Lehre zu erteilen: Im Frieden, in der Liebe ist die wahre Größe des Menschen, nicht im Kampf und der Härte. So lehrt das Tao, dass das Weiche, Biegsame, Sanfte stets dem Harten, Starren überlegen ist.


Auch dies wird sich ändern
Ein Mann hinterließ seinen beiden Töchtern ein bescheidenes Vermögen; es war gerecht verteilt und er hatte klar bestimmt, was jede erhalten sollte. Nur über eine kleine Schatulle mit zwei Ringen hatte er nicht verfügt. Ein Ring war sehr wertvoll und mit einem großen Diamanten verziert, der andere ein schlichter Silberring.
Die ältere Schwester sagte: „Offensichtlich ist mir als der älteren der Diamantring bestimmt und dir der andere.“ Die jüngere Schwester war bescheiden und wollte nicht streiten. So nahm sie den Silberring.
Jede von den beiden ging ihren Weg. Während die ältere Schwester unter den Folgen ihrer Habgier und großen materiellen Ansprüche zu leiden hatte, lebte die jüngere ein einfaches und zufriedenes Leben. Sie trug auch den Silberring stets bei sich und eines Tages sah sie den Ring genauer an. Sie entdeckte eine kleine Inschrift an der Innenseite des Rings: „Auch dies wird sich ändern.“ stand da geschrieben. Sie erkannte sogleich die große Weisheit dieser Inschrift und je mehr sie sich in jeder Situation, ob angenehm oder unangenehm, deren Vergänglichkeit bewusstmachte, desto ausgeglichener und zentrierter wurde sie und erfuhr in ihrem Leben sich stets vertiefenden Frieden.
Schwamm sie oben auf der Welle des Glücks, so konnte sie es doch genießen, war sich dabei aber immer bewusst, dass wieder Regentage kommen würden. Und wenn sie sich krank oder einsam fühlte, dann wusste sie: „Auch dies wird sich ändern!“
Dies ist eine tiefe Weisheit des Buddha: Wenn wir im Glück den Keim des Unglücks und im Schmerz das Potential der Freude erkennen, so können wir sowohl den Augenblick bewusst erfahren, als auch vermeiden, von plötzlichen Veränderungen überrascht zu werden. Vor allem können wir durch dieses Erkennen einen Bewusstseinszustand jenseits von oberflächlicher Freude und Schmerz erreichen, einen Zustand tiefen inneren Friedens.
Etwas Weiteres können wir aus dieser Geschichte lernen:             

Dass die Weisheit (des Silberrings) mehr wert ist als der äußere Wert (der Diamantring). Oft trügt der Schein und das Stille, Unauffällige ist dem Glänzenden und Strahlenden überlegen!

(aus "Die spirituelle Schatzkiste" von Arjuna P. Nathschläger)

Yoga im Alltag leben
Der Weg, den Yoga im Laufe des letzten Jahrhunderts in der westlichen Gesellschaft beschritten hat, ist bemerkenswert und führt von einem reinen Nischendasein hin zum unglaublichen Bekanntheitsgrad und Stellenwert von heute. Mit der größeren Verbreitung von Yoga wuchs auch das Wissen um seine positiven Auswirkungen auf Körper und Geist und es herrscht weitestgehend Konsens darüber, dass Yogaübungen viel dazu beitragen können, unseren stressigen Lebenswandel auszugleichen und zu erleichtern.
Schwierig wird es oft dann, wenn wir versuchen, Yoga in unseren Alltag zu integrieren. Allzu häufig unterliegt auch der Wunsch, Yoga zu üben, dem Zeitmangel oder schleicht sich zu den Dingen dazu, von denen wir glauben, sie "erledigen" zu müssen. Selbst wenn es uns unter diesen Umständen gelingt, zum Beispiel einige Asanas oder Atemübungen in unserem Zeitplan unterzubringen, bleibt es oft schwierig, den „Erledigungsmodus“ zu verlassen und sich wirklich zu entspannen.
Um uns dem modernen Druck der ständigen Selbstoptimierung zu entziehen, hilft es, sich die yogischen Grundideen in Erinnerung zu rufen: Yoga ist der Weg der Freude, ist citta-vrtti-nirodhah, was soviel bedeutet wie „das Beruhigen der Aktivität des Geistes“ (Yoga Sutras von Patanjali). Wenn wir also versuchen, Yoga in unseren Alltag zu integrieren, geht es nicht so sehr darum, täglich 90 Minuten Asanas zu praktizieren, sondern vielmehr darum zu lernen, ein wenig Abstand von jenen Denkmustern zu gewinnen, die uns in der Illusion der Beschränkung bestärken. Denn Yoga bedeutet auch Vereinigung:
„Es bezieht sich auf den Vereinigungsvorgang der individuellen mit der universellen Seele. Yoga führt den Geisteszustand herbei, in dem der Geist in allen Situationen unbeirrt und ruhig ist.“ (Swami Vishnu-Devananda)
Um diese Art von Geistesruhe zulassen zu können, hält Yoga verschiedene Wege und Methoden bereit, die man je nach Situation und eigenem Zustand erlernen, anwenden und kombinieren kann. So sind zum Beispiel Asanas, als körperliche Komponente von Yoga, ein guter Einstieg, um die Kopflastigkeit, die bei vielen von uns vorherrscht, zu durchbrechen. Nicht umsonst wird im Westen vor allem jener yogische Aspekt der Körperübungen mehr als alles andere mit Yoga assoziiert. Die Atemübungen (Pranayama) helfen uns wiederum, die Lebenskraft, das Prana, in uns zu stärken und frei zu werden von unnötigem Ballast. Und wie groß der positive Einfluss, den Meditation auf unser Leben haben kann, tatsächlich ist, wird gerade auch auf wissenschaftlicher Ebene erforscht und bestätigt.
All diese Elemente sind jedoch nicht nur Teil des yogischen Systems, sondern – anders betrachtet – auch natürliche Bestandteile unseres menschlichen Daseins. Denn wir alle atmen (Pranayama), bewegen uns (Asanas), nehmen Nahrung zu uns (richtige Ernährung) und brauchen Stille (Entspannung und Meditation), um uns zu regenerieren. Ein großer Unterschied, ob man all diese Faktoren bzw. diese sogenannten „5 Säulen des Yoga“ auch als Yoga ansieht oder nicht, besteht im Wesentlichen in der Art und Weise, wie man sie lebt und erlebt. Wir können also im Alltag jederzeit unseren Geist ein wenig öffnen und bewusst erleben, was wir gerade tun. Und es ist Yoga.

Immer dann, wenn wir achtsam sind und wach für alles Wunderbare in unserem Leben, praktizieren wir Yoga.

Wenn wir uns entscheiden zu vertrauen, anstatt der urteilenden Stimme in uns, die alle Antworten schon zu kennen glaubt, weiterhin Macht zu geben, ist dies eine hohe Form von Yoga.
Konkret bedeutet dies vielleicht in Situationen, in denen man sonst die Geduld verliert, tief durchzuatmen. Es bedeutet, sich eines negativen Gedankens bewusst zu werden und ihn durch einen positiven zu ersetzen. Es bedeutet, diese Wahlmöglichkeit und den Gestaltungsspielraum, den wir haben, zu erkennen, vielleicht auch lange, bevor man lernt, beides zu nutzen. Es bedeutet, sich zwischendurch zu strecken oder für einen kurzen Moment die Augen zu schließen, Dankbarkeit zu empfinden und zu meditieren. Es bedeutet eventuell, ein inspirierendes Buch zu lesen oder bei Entscheidungen auf seine Intuition zu hören. Es bedeutet auch, sich Zeit zu nehmen für Dinge, die man gerne tut. Es bedeutet, die Disziplin aufzubringen, sich immer wieder dafür zu entscheiden, glücklich zu sein und die Gelegenheiten, jetzt in diesem Moment Glück zu empfinden, zu ergreifen. Denn – wie bereits erwähnt – Yoga ist der Weg der Freude und „ein Gramm Praxis ist besser als eine Tonne Theorie“ (Swami Sivananda).
Im Idealfall hilft eine regelmäßige Yoga- und Meditationspraxis dabei, sie ist jedoch keinesfalls Selbstzweck, sondern immer nur Hilfsmittel, um den Geist zu klären und frei zu machen für seinen fried- und freudvollen Ursprungszustand.
Doch egal, welche Art von Stütze wir auf unserem Weg wählen, wichtig ist Achtsamkeit in unserem Denken, Handeln, Fühlen und unseren Worten. Dazu gehört vor allem auch – und das vergessen wir oft – ein achtsamer und liebevoller Umgang mit uns selbst. Denn unsere wahre Natur ist sat-chit-ananda, absolutes Sein, Wissen und Wonne. Vergrößern wir also Freude, Leichtigkeit und Bewusstheit in unserem Leben, sind wir in Wahrheit näher an allem dran, wonach wir uns im tiefsten Inneren sehnen.
Unsere – nicht immer leichte – Aufgabe dabei ist es, einen ehrlichen und dennoch gütigen Blick auf unser Leben zu werfen, um zu sehen, wo man mehr Yoga im Sinne von sat-chit-ananda, im Sinne von Bewusstheit, einfließen lassen kann. Dann verschwimmt mit der Zeit vielleicht auch jene künstliche Trennung zwischen Alltag und spiritueller Übung und wir sind frei zu erkennen, dass alles wahrhaftig eins ist.

(www.yogaakademieaustria.com, ein Beitrag von Katharina Wind)

Achtsamkeit zum Muttertag


„Welcher Tag ist am Sonntag“, frage ich diese Woche meine kleinen Yogakinder. „Mama-Tag“ kommt es wie aus der Pistole geschossen. Genau. Also machen wir uns mit Anton, unserem Yogabären, auf die Suche nach einem passenden Geschenk. Und zwar nicht irgendein Geschenk. Sondern eins, das unsere Zuneigung ausdrückt, das zeigt, was wir mit unseren Mamas verbinden. Und eines, an das sie sich erinnert. Also machen wir uns auf eine große Reise, sind Hund, Bär, Löwe und Adler. Suchen hinter Bäumen, auf Bergen und in Flüssen. Alles natürlich wie immer in Form von Yogapositionen. Und wir werden fündig: in kleinen Döschen habe ich Herzen, Smileys und kleine Blumen vorbereitet. Jedes Kind darf schütteln, raten was drin ist und mit geschlossenen Augen die Formen ertasten. Und schließlich kucken. Und ein passendes Stück für seine Mama auswählen. Ich frage, die Kinder warum sie was ausgewählt haben. „das Herz, weil ich meine Mama so liebhabe“, „den Smiley, weil wir immer so viel lachen“ oder „den blauen Sticker, weil meine Mama blau so mag…“ kommt als Antwort. Für jedes Kind ein bisschen anders, genauso individuell wie die Liebe zu ihrer Mama.


Dann kommt die Überraschung: im letzten Döschen sind Kaffeebohnen. Den Geruch mögen sie nicht so gerne, aber die Botschaft dahinter haben sie schnell verstanden: die Mama soll sich die Kaffeebohnen in die Hosentasche stecken. Und jedes Mal, wenn sie eine Bohne ertastet, sich daran erinnert, warum ihr kleiner Sohn oder ihre kleine Tochter sie so lieb hat“


Und wer jetzt glaubt, dass finden nur die Kitakinder gut, weit gefehlt: auch meine Dritties & Vierties waren mit Feuereifer bei der Sache. Lennart, 9, fragte am Ende: "Meinst Du, dass Mama dann auch weniger mit mir schimpft, wenn sie die Kaffeebohnen anfühlt“. Kann schon sein.

(Quelle: https://die-yogabande.de)

Yoga im Alltag leben

Der Weg, den Yoga im Laufe des letzten Jahrhunderts in der westlichen Gesellschaft beschritten hat, ist bemerkenswert und führt von einem reinen Nischendasein hin zum unglaublichen Bekanntheitsgrad und Stellenwert von heute. Mit der größeren Verbreitung von Yoga wuchs auch das Wissen um seine positiven Auswirkungen auf Körper und Geist und es herrscht weitestgehend Konsens darüber, dass Yogaübungen viel dazu beitragen können, unseren stressigen Lebenswandel auszugleichen und zu erleichtern.

Schwierig wird es oft dann, wenn wir versuchen, Yoga in unseren Alltag zu integrieren. Allzu häufig unterliegt auch der Wunsch, Yoga zu üben, dem Zeitmangel oder schleicht sich zu den Dingen dazu, von denen wir glauben, sie "erledigen" zu müssen. Selbst wenn es uns unter diesen Umständen gelingt, zum Beispiel einige Asanas oder Atemübungen in unserem Zeitplan unterzubringen, bleibt es oft schwierig, den „Erledigungsmodus“ zu verlassen und sich wirklich zu entspannen.

Um uns dem modernen Druck der ständigen Selbstoptimierung zu entziehen, hilft es, sich die yogischen Grundideen in Erinnerung zu rufen: Yoga ist der Weg der Freude, ist citta-vrtti-nirodhah, was soviel bedeutet wie „das Beruhigen der Aktivität des Geistes“ (Yoga Sutras von Patanjali). Wenn wir also versuchen, Yoga in unseren Alltag zu integrieren, geht es nicht so sehr darum, täglich 90 Minuten Asanas zu praktizieren, sondern vielmehr darum zu lernen, ein wenig Abstand von jenen Denkmustern zu gewinnen, die uns in der Illusion der Beschränkung bestärken.

Denn Yoga bedeutet auch Vereinigung:
„Es bezieht sich auf den Vereinigungsvorgang der individuellen mit der universellen Seele. Yoga führt den Geisteszustand herbei, in dem der Geist in allen Situationen unbeirrt und ruhig ist.“ (Swami Vishnu-Devananda)
Um diese Art von Geistesruhe zulassen zu können, hält Yoga verschiedene Wege und Methoden bereit, die man je nach Situation und eigenem Zustand erlernen, anwenden und kombinieren kann. So sind zum Beispiel Asanas, als körperliche Komponente von Yoga, ein guter Einstieg, um die Kopflastigkeit, die bei vielen von uns vorherrscht, zu durchbrechen. Nicht umsonst wird im Westen vor allem jener yogische Aspekt der Körperübungen mehr als alles andere mit Yoga assoziiert. Die Atemübungen (Pranayama) helfen uns wiederum, die Lebenskraft, das Prana, in uns zu stärken und frei zu werden von unnötigem Ballast. Und wie groß der positive Einfluss, den Meditation auf unser Leben haben kann, tatsächlich ist, wird gerade auch auf wissenschaftlicher Ebene erforscht und bestätigt.

All diese Elemente sind jedoch nicht nur Teil des yogischen Systems, sondern – anders betrachtet – auch natürliche Bestandteile unseres menschlichen Daseins. Denn wir alle atmen (Pranayama), bewegen uns (Asanas), nehmen Nahrung zu uns (richtige Ernährung) und brauchen Stille (Entspannung und Meditation), um uns zu regenerieren. Ein großer Unterschied, ob man all diese Faktoren bzw. diese sogenannten „5 Säulen des Yoga“ auch als Yoga ansieht oder nicht, besteht im Wesentlichen in der Art und Weise, wie man sie lebt und erlebt. Wir können also im Alltag jederzeit unseren Geist ein wenig öffnen und bewusst erleben, was wir gerade tun. Und es ist Yoga.

Immer dann, wenn wir achtsam sind und wach für alles Wunderbare in unserem Leben, praktizieren wir Yoga.

Wenn wir uns entscheiden zu vertrauen, anstatt der urteilenden Stimme in uns, die alle Antworten schon zu kennen glaubt, weiterhin Macht zu geben, ist dies eine hohe Form von Yoga.

Konkret bedeutet dies vielleicht in Situationen, in denen man sonst die Geduld verliert, tief durchzuatmen. Es bedeutet, sich eines negativen Gedankens bewusst zu werden und ihn durch einen positiven zu ersetzen. Es bedeutet, diese Wahlmöglichkeit und den Gestaltungsspielraum, den wir haben, zu erkennen, vielleicht auch lange, bevor man lernt, beides zu nutzen. Es bedeutet, sich zwischendurch zu strecken oder für einen kurzen Moment die Augen zu schließen, Dankbarkeit zu empfinden und zu meditieren. Es bedeutet eventuell, ein inspirierendes Buch zu lesen oder bei Entscheidungen auf seine Intuition zu hören. Es bedeutet auch, sich Zeit zu nehmen für Dinge, die man gerne tut. Es bedeutet, die Disziplin aufzubringen, sich immer wieder dafür zu entscheiden, glücklich zu sein und die Gelegenheiten, jetzt in diesem Moment Glück zu empfinden, zu ergreifen. Denn – wie bereits erwähnt – Yoga ist der Weg der Freude und „ein Gramm Praxis ist besser als eine Tonne Theorie“ (Swami Sivananda).

Im Idealfall hilft eine regelmäßige Yoga- und Meditationspraxis dabei, sie ist jedoch keinesfalls Selbstzweck, sondern immer nur Hilfsmittel, um den Geist zu klären und frei zu machen für seinen fried- und freudvollen Ursprungszustand.
Doch egal, welche Art von Stütze wir auf unserem Weg wählen, wichtig ist Achtsamkeit in unserem Denken, Handeln, Fühlen und unseren Worten. Dazu gehört vor allem auch – und das vergessen wir oft – ein achtsamer und liebevoller Umgang mit uns selbst. Denn unsere wahre Natur ist sat-chit-ananda, absolutes Sein, Wissen und Wonne. Vergrößern wir also Freude, Leichtigkeit und Bewusstheit in unserem Leben, sind wir in Wahrheit näher an allem dran, wonach wir uns im tiefsten Inneren sehnen.

Unsere – nicht immer leichte – Aufgabe dabei ist es, einen ehrlichen und dennoch gütigen Blick auf unser Leben zu werfen, um zu sehen, wo man mehr Yoga im Sinne von sat-chit-ananda, im Sinne von Bewusstheit, einfließen lassen kann. Dann verschwimmt mit der Zeit vielleicht auch jene künstliche Trennung zwischen Alltag und spiritueller Übung und wir sind frei zu erkennen, dass alles wahrhaftig eins ist.

(www.yogaakademieaustria.com, ein Beitrag von Katharina Wind)


Die Kunst des Rückzugs

Ein Krieger des Lichts, der zu sehr seiner Intelligenz vertraut, unterschätzt am Ende die Kraft seines Gegners.

Man darf nie vergessen: Es gibt Augenblicke, da ist die Kraft wirkungsvoller als der Scharfsinn. Und wenn wir uns einer bestimmten Form von Gewalt gegenübersehen, wird kein Geistesblitz, kein Argument, wird weder Scharfsinn noch Charme die Tragödie verhindern können.

Daher unterschätzt der Krieger nie die rohe Gewalt: Wenn sie irrational und aggressiv ist, zieht er sich vom Schlachtfeld zurück, bis der Gegner seine Kraft verbraucht hat.

Allerdings sollte eines klar sein: Ein Krieger des Lichts ist niemals feige. Die Flucht kann ein geschickter Verteidigungszug sein, aber sie darf nie angetreten werden, wenn die Angst groß ist.

Im Zweifelsfalle nimmt der Krieger lieber die Niederlage in Kauf und pflegt seine Wunden, denn er weiß, dass er dem Angreifern durch seine Flucht größere Überlegenheit zugesteht, als dieser verdient.

Physische Wunden lassen sich behandeln, doch spirituelle Schwächen verfolgen einen ewig. In schwierigen und schmerzlichen Augenblicken stellt sich der Krieger der ungünstigen Situation entschlossen, heldenhaft und mutig. Um den rechten Geisteszustand zu erreichen (denn der Krieger des Lichts zieht in einen Kampf, in dem er die schlechteren Karten hat und möglicherweise leiden wird), muss er genau wissen, was ihm schaden kann.

Okakura Kasuko schreibt darüber in seinem Buch über die Teezeremonie:
„Wir schauen auf die Bosheit der anderen, weil wir die Bosheit durch unser eigenes Verhalten kennen. Wir verzeihen denen niemals, die uns verletzt haben, weil wir glauben, dass sei uns auch nie verzeihen werden. Wir sagen dem anderen die schmerzliche Wahrheit ins Gesicht, die wir selbst nicht wahrhaben wollen. Wir zeigen unsere Kraft, damit niemand unsere Zerbrechlichkeit sieht.

Daher sei dir immer bewußt, wenn du über deinen Bruder richtest, dass du es bist, der vor Gericht steht.“
Manchmal kann dieses Bewusstsein einen Kampf verhindern, der nur Nachteile bringen würde. Manchmal hingegen gibt es keinen Ausweg, sondern nur den Kampf mit ungleichen Chancen.

Wir wissen, dass wir verlieren werden, der Feind oder die Gewalt lassen uns keine andere Wahl, denn Feigheit kommt für uns nicht in Frage. Dann müssen wir das Schicksal annehmen. Dazu kommen mir jetzt Zeilen aus der großartigen Bhagavadgita (Kapitel II, 20-16) in den Sinn:
„Der Mensch wird nicht geboren, und er stirbt nie. Er ist auf dieser Welt, um zu leben, er hört nie auf zu leben, denn er ist ewig und unvergänglich.

So wie der Mensch die alten Kleider ablegt und neue anlegt, so legt die Seele den alten Körper ab und erhält einen neuen.

Die Seele selbst aber ist unzerstörbar. Schwerter können sie nicht schneiden, Feuer sie nicht verbrennen, Wasser sie nicht nass machen, der Wind sie nicht austrocknen. Sie steht außerhalb der Macht all dieser Dinge.

Da der Mensch unzerstörbar ist, ist er (auch in seinen Niederlagen) immer siegreich, und daher sollte er nie klagen.“

(von Paulo Coelho)


Das Leben anzunehmen und die Dinge geschehen lassen, derenn Veränderung nicht in unserer Macht stehen. Man ist machtlos und fühlt sich klein.

Wenn unsere Gedanken mit uns durch Gehen, mit uns Karussell fahren, die Affen im Geist (Chitta) tanzen, wir nicht rechtzeitig "STOP" sagen, oder unsere Gedanken in eine andere Richtung lenken, dann sind wir als Betroffene überfordert. Ganz schnell gehen unsere Gedanken mit uns durch und wir spüren förmlich körperlich, was unsere Gedanken für eine Macht haben.  Als Außenstehende zwar vielleicht im ersten Moment überfordert und machtlos, aber vielleicht können wir ein rettender Impuls sein. Wir können aber auch abtauchen und so tun, als ginge uns das alles nichts an.

Wenn es für den eigenen Schutz notwendig ist, dann ist es vernünftig, Kontakte abzubrechen, bzw. sich zurück zu ziehen. Aber wenn es nur aus Bequemlichkeit ist, oder weil es etwas anstrengend ist, die heile Welt gerade etwas auf den Kopf stellt, oder Stress für uns bedeutet ist es kein menschlicher Umgang mit seinen Mitmenschen. Viel zu oft schauen wir weg, wenn es angebracht wäre für unsere Mitmenschen einzustehen und Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht auch gerade, wenn sich jemand selbst nicht so durchsetzen kann, oder Ängste verspürt.

Kürzlich hatte ich in einem Kaufhaus eine Situation erlebt, die ich trotz anfänglichen Erstaunens noch sehr gut empfand. Ich stand an der Kasse und wie es so üblich ist, wird vielleicht eine zweite Kasse aufgemacht, oder wie in diesem Fall ruft eine Frau hinter mir nach einer zweiten Kasse. Die Kassiererin verständigt eine weitere Mittarbeiterin, um die Kasse nebenan zu öffnen.

Also die Frau an mir vorbei geprescht und nach vorne an die Kasse.  Vor mir standen noch mehrere Personen an der bereits offenen Kasse, die auch hätten wechseln können. Ich habe mir dann erlaubt, die Frau anzusprechen.

"Entschuldigung, es wäre schon nett und anständig, wenn man die Personen, die schon länger an der Kasse stehen fragt, ob sie vielleicht die Kasse wechseln möchten. Oder haben sie es so eilig?" Ich erwartete, wenn überhaupt eine schroffe Antwort. Hatte die Situation ja schon öfter und wenn ich gut drauf bin, sage ich auch immer was.

Die Dame antwortete mir aber völlig entspannt: "Die hätten ja auch rufen können, jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich. Da fordere ich schon ein wenig Eigenverantwortung für sich selbst." 

Ich stimmte ihr zu: "Ja, das stimmt. Jeder im Leben ist schon für sein Schicksaal selbst verantwortlich. Trotzdem finde ich, sin wir als Menschen auch füreinander verantwortlich.  Es gibt eben Menschen, die sind vielleicht schüchtern, oder trauen sich aus sonst irgendeinem Grund nicht nach einer weiteren Öffnung einer Kasse rufen. Wenn wir uns alle ein wenig um unsere Mitmenschen kümmern, dann schaffen wir eine schönere und bessere Welt. Ansonsten erreichen wir genau das Gegenteil und es wird ...", da fielen mir die passenden Worte gerade nicht ein.

Die Frau fiel ein: "Sie meinen so wie wir es jetzt gerade haben ...?" Ich sagte im ersten Moment nichts, denn das hatte ich nicht gemeint, aber ich wiedersprach auch nicht. Wir verabschiedeten uns ganz normal und jeder ging wieder seiner Wege. Ich hatte das Gefühl, dass dieses Gespräch für sie ein Ansatz war, mal über solche und ähnliche Situationen nachzudenken.

Im Grunde funktioniert es nur, wenn es uns gelingt unser Schicksal dem Leben anzuvertrauen und auf das Gute im Leben zu Hoffen. Es ist so vieles ein Reifeprozess, Veränderung können zu einem Besseren führen, dass man selbst besser wird und das Leben generell besser wird, am Ende wird eh alles gut.

So hat mich diese kleine Geschichte gefunden. Ich bin überzeugt, dass wir im Leben immer genau die Menschen treffen, oder genau das finden, was wir gerade brauchen. Wir müssen uns nur vom Leben leiten lassen und nicht krampfhaft an etwas festhalten, oder etwas suchen. Viel Spaß beim Lesen!

Der geduldige Gärtner
Vom Geheimnis warten zu können

Am späten Nachmittag kam der kleine Buddha bei dem alten Schloss an. Er hatte es sich riesengroß vorgestellt, mit Türmen und dicken Mauern. Was er vorfand, glich hingegen eher einem normalen Landhaus. Ein schönes Haus, keine Frage, aber es sah nicht wirklich wie ein Schloss aus.

Er trat näher. In der Nähe vom Eingang spielten ein paar Kinder und auf dem Rasen vor dem Haus spazierten zwei stolze Pfaue entlang. Wolken zogen langsam am Himmel vorbei und man konnte das fließende Wasser eines nicht weit entfernten Baches hören. Alles wirkte sehr friedlich.

Da er ansonsten niemanden sah, fragte er die Kinder nach dem Schlossgärtner. Eines der Kinder, ein kleines Mädchen, zeigte ihm einen Pfad, der durch den Garten hindurch direkt zu der Hütte des Gärtners führte. Der kleine Buddha bedankte sich für die Hilfe und folgte dem beschriebenen Pfad.

Unterwegs kam er an vielen wundervollen Bäumen, Büschen und Blumen vorbei. Ein herrlich frischer Duft lag in der Luft. „Was für ein schöner Ort zum Leben“, dachte er sich. Die Menschen hier mussten sehr glücklich sein.

Nach einiger Zeit gelangte der kleine Buddha zu der beschriebenen Hütte. Er klopfte an die Tür. Nichts. Er schaute sich um, doch von dem Gärtner fehlte weit und breit jede Spur. Gerade als er sich hinsetzen wollte, um auf ihn zu warten, hörte er aus einiger Entfernung ein leises Pfeifen. Der kleine Buddha ging neugierig um die Hütte herum und dabei wurde das leise Pfeifen langsam etwas deutlicher. Auf der anderen Seite der Hütte angekommen, sah er einen großen Gemüsegarten vor sich und inmitten von diesem Gemüsegarten kniete ein zufrieden vor sich hin pfeifender Mann mittleren Alters. ´Das muss der Gärtner sein´, dachte sich der kleine Buddha.

Als der Mann den Besucher bemerkte, stand er auf und kam auf ihn zu.

„Hallo“, sagte er mit freundlicher Stimme. „Hallo“, erwiderte der kleine Buddha. „Ich suche den Schlossgärtner.“
„Du stehst vor ihm. Was kann ich für dich tun?“

Der kleine Buddha erzählte ihm, dass er bei der blinden Hexe im Wald gewesen war. Er richtete die schönen Grüße aus und fragte den Gärtner, ob es eine Möglichkeit gäbe, für ein paar Tage bei ihm zu bleiben.

„Aber natürlich, du kannst so lange bleiben, wie du möchtest. Ich habe noch ein zweites Bett in meiner Hütte. Eine Frage habe ich nur. Warum hat die Hexe dich zu mir geschickt?“

„Nach der hektischen Stadt wollte ich an einen ruhigen Ort. Da mir die Höhle im Wald zu dunkel war, gab mir die blinde Hexe den Rat, dass ich dich besuchen solle.“

Der Gärtner lächelte wieder.

„Dann sei willkommen und fühle dich wie zu Hause.“

Der kleine Buddha blieb eine ganze Weile bei dem Gärtner in dem Schlossgarten. Er begann wieder, regelmäßig zu meditieren, und dabei genoss er die himmlische Ruhe und die Schönheit der Natur. Es fühlte sich ein bisschen wie zu Hause an, wie unter seinem großen alten Bodhi-Baum.

Manchmal half er dem Gärtner bei dessen Arbeit. Beim Gießen der Blumen, beim Beschneiden der Bäume und Büsche und beim Einpflanzen von neuen Samen. Aber manchmal schaute er ihm auch einfach nur zu, denn der kleine Buddha liebte es, andere Menschen zu beobachten.

Der Gärtner war eine faszinierende Person. Wenn er durch seinen Garten spazierte, blieb er immer wieder stehen und schaute den Pflanzen beim Wachsen zu. So schien es wenigstens. Man hätte meinen können, dass der Gärtner unheimlich langsam arbeitete, aber das stimmte nicht. Er vollbrachte seine Arbeit einfach mit einer unglaublichen inneren Ruhe. Er besaß eine Gelassenheit, die sogar den kleinen Buddha beeindruckte. Nichts schien ihn aus der Ruhe zu bringen. Nicht die spielenden Kinder, die oft viel Lärm machten, nicht ein starker Wind oder gar ein Gewitter, ja noch nicht einmal die beiden Schlosshunde, die immer wieder durch seine Beete liefen.

„Woher nimmst du deine ganze Geduld“, wollte der kleine Buddha eines Abends von ihm wissen, als sie gemütlich vor der Hütte um ein kleines Lagerfeuer herum saßen.

„Ich weiß nicht genau“, antwortete der Gärtner. „Wahrscheinlich hilft mir die Landschaft, geduldig zu sein. Ich lebe hier ja schon mein ganzes Leben. Von einigen Ausnahmen abgesehen bin ich immer von Ruhe umgeben und daher ist es für mich nur natürlich, selbst auch ruhig zu sein.“

„Ich verstehe dennoch nicht, wie du das machst“, sagte der kleine Buddha. „Wenn ich zu Hause unter meinem Baum sitze, dann habe ich keine wichtigen Aufgaben zu erledigen. Ich habe dann also Zeit, nett zu sein, geduldig zu sein oder einfach ruhig zu sein. Aber du hast ein normales Leben, du hast Verpflichtungen und Ablenkungen, jeden Tag hast du viel zu tun. Und dennoch bist du immer freundlich und hast Zeit für alles und jeden. Das ist mir einfach ein Rätsel.“
Der Gärtner verstand die Frage des kleinen Buddha, aber für ihn war es kein Rätsel.

„Ich nehme mir einfach die Zeit“, sagte er.

„Und woher nimmst du die Zeit, wenn keine da ist?“

„Es ist immer Zeit da. Es kommt nur darauf an, was du mit ihr machst.“

Der kleine Buddha wusste, was der Gärtner meinte. Er selbst hatte ja Herrn Singh, dem hektischen Reisenden aus der Stadt, der noch nie auf einer Reise gewesen war, fast das Gleiche gesagt. Trotzdem gab er sich mit der Antwort noch nicht zufrieden.

„Und was ist, wenn du unvorhergesehene Probleme hast? Was ist zum Beispiel, wenn der Brunnen kaputt ist und du den Tag damit beschäftigt bist, Wasser aus dem Bach hierher zu tragen? Woher nimmst du dann die Zeit für deine anderen Aufgaben?“

„Dann hätte ich in der Tat nur Zeit zum Wassertragen. Das wäre aber nicht weiter schlimm. Die Frage ist, was gerade wichtig ist. Manche Probleme kann man nicht vermeiden und daher muss man sie einfach geschehen lassen.“

Sie unterhielten sich an jenem Abend noch lange weiter. Über das faszinierende Mysterium der Zeit, über Probleme und Chancen, über Ruhe und über das Leben. Am darauffolgenden Morgen spazierten sie beide schweigend durch den riesigen Schlossgarten. Es hatte in der Nacht geregnet und somit war die Luft frisch und klarer als normalerweise. Es war eine wunderbare Art aufzuwachen.

Während sie den Spaziergang genossen, dachte der Gärtner über ihr Gespräch vom Vorabend nach. „Ich glaube, ich habe viel von der Natur gelernt“, sagte er auf einmal. Der kleine Buddha war noch nicht völlig wach. „Was meinst du?“
„Na, du hast mich doch gestern gefragt, woher ich meine Geduld habe.“

„Von der Natur. Geduld heißt ja eigentlich nichts anderes, als warten zu können. Und die Fähigkeit zu warten habe ich von der Natur gelernt.“

Der Gärtner schaute sich um und zeigte auf einen großen Baum. „Du kannst dich wochenlang vor diesen Baum setzen und versuchen, ihm beim Wachsen zuzusehen. Vergeblich! Und warum? Wie der Baum ganz langsam wächst, so langsam, dass du sogar von einem Monat auf den nächsten keinen Unterschied erkennst. Doch der Baum wächst. Jeden Tag ein Stückchen. Ein großer starker Baum wie dieser braucht einfach viel Zeit zum Wachsen. Und wenn du nun den Samen eines solchen Baumes einpflanzt uns sehen willst, wie aus einem winzigen Samen dieser riesige, prachtvolle Baum wird, dann brauchst du viel Geduld.

Du musst warten können.

Der kleine Buddha hörte aufmerksam zu und betrachtete dabei den großen Baum, vor dem sie stehen geblieben waren.
„Mit den Menschen verhält es sich ähnlich“, fuhr der Gärtner fort, „auch sie brauchen viel Zeit zum Wachsen. Weißt du, jeder Mensch wächst durch Erfahrungen und Erfahrungen zu machen, das dauert. Daher sollten wir auch mit den Menschen geduldig sein. Wir sollten immer bereit sein, auf ihre volle Entfaltung, auf ihre volle Größe zu warten.“

Sie schwiegen wieder und bewunderten den Baum. „Schade, dass nicht alle Menschen so viel Geduld haben wie du“, sagte der kleine Buddha schließlich.

„Geduld, die guten Dinge im Leben einfach geschehen zu lassen.“


Der kleine Buddha blieb mehrere Wochen bei dem Gärtner. Dann kam der Tag, an dem er seine Reise fortsetze. Die Zeit zum Abschied war gekommen. „Vielen Dank für deine Gastfreundschaft“, sagte er mit einem Lächeln im Gesicht. „Ich hoffe, ich werde eines Tages an diesen wundervollen Ort zurückkehren.“

„Du bist immer herzlich willkommen“, sagte der Gärtner. Dann dachte er kurz nach. „Mach doch einen kleinen Abstecher in das nahe gelegene Dorf. Geh dort zu der Bäckerin am Marktplatz und erkundige dich nach der Bäckerin. Falls sie nicht gerade drinnen in ihrer Backstube Brot backt, sitzt sie wahrscheinlich draußen auf einer Bank und liest ein Buch. Frage sie nach dem Geheimnis ihres Glücks. Sie wird dir dann eine Geschichte erzählen.“

(aus „Der kleine Buddha – auf dem Weg zum Glück“, von Claus Mikosch)

Schützende Burgmauern

Erschaffe vor deinem inneren Auge eine mittelalterliche Burg auf einer Anhöhe. Sie thront an der perfekten Stelle, um das gesamte Land ringsum überblicken zu können.

Lass dir Zeit dabei, das Bild zusammenzusetzen, und gestalte ebenfalls die Umgebung mit.

Wo liegt deine mächtige Burg, die so viel Sicherheit ausstrahlt?

Wie groß ist sie?

Steht sie ganz alleine da oder sind weitere Gebäude angeschlossen?

Wurde sie von außen angestrichen, hat sie vielleicht sogar hölzerne Fensterläden?

Ist sie intakt, wurde ein Teil von ihr zerstört oder ist das Gebäude längst baufällig?

Hat sie Zinnen? Weht eine Flagge darüber?

Wenn du sie mit allen Details vor dir siehst, stell dir vor, dass du hoch zu Ross den Zufahrtsweg entlangreitest.

Dein Pferd geht im Schritt, es bewegt sich geschmeidig und kennt seinen Weg im Schlaf.

Sanft schaukelst du im Sattel bei jeder Bewegung hin und her.

Du riechst den Geruch des Tieres, hörst sein Schnauben und Atmen.

Die Hufe klappern auf dem groben Kopfsteinpflaster, das im Laufe der Zeit eingesunken ist.

Hier und da wächst Gras aus den Fugen, kleine Kieselsteine haben sich angesammelt.

Das Burgtor tut sich vor dir auf.

Es ist mit einer Seilbrücke versehen, die über einen kleinen Burggraben führt.

Von Nahem erkennst du das herrschaftliche Wappen über dem Eingang.

Schwere schmiedeeiserne Tore stehen nach beiden Seiten offen, so dass du getrost hindurchreiten kannst.

Du gelangst auf den Burghof und steigst vom Pferd.

Es lässt sich von dir mühelos zu einem vergitterten Fenster führen, an dem du es anbindest.
So, als hätte es sein Leben lang nichts anderes gemacht.

An einer Seite des Innenhofes gibt eine halbhohe Mauer den Blick über die Umgebung frei.

Du kletterst nach oben und lässt dich auf dem glatten kühlen Stein nieder.

Deine Füße baumeln frei herunter. Unter dir befindet sich dichtes Gebüsch, und ein paar gewaltige Bäume säumen die Burg ein.

Selbstverständlich fahren deine Hände über die Struktur des Steinquaders, auf dem zu sitzt.

An einer Stelle ist er mit frischem Moos bewachsen. Es ist saftig, dunkelgrün und angenehm weich.

Du staunst darüber, wie dieses Bauwerk einst von Menschenhand geschaffen wurde.

Und fragst dich, was es wohl über den Lauf der Jahrhunderte schon alles erlebt hat.

Wenn die Burg sprechen könnte, welche Geschichten würde sie erzählen?

Wie auch immer die Vergangenheit aussah, so strahlt sie doch heute eine sehr besondere Atmosphäre aus.
Sie liegt erhaben da, als würde sie mit Leichtigkeit über allem stehen. Sie strahlt Sicherheit und Geborgenheit aus. Und auch was Weisheit.
Während du noch darüber sinnierst, schweift dein Blick zum Himmel.

Pudrig weiße Wolken sind auf dem blauen Hintergrund verteilt.

Sie bewegen sich fließend und bilden dabei immer wieder neue Formationen.

Schau, was du darin genau erkennen kannst, und gib dich eine Weile diesem Gedankenspiel hin.

Wie entspannend, einfach nur die Natur zu beobachten und dabei alles andere für eine Weile auszublenden.

Dir fällt auf, dass du vor lauter Wolkenanschauen völlig vergessen hast, was dich sonst noch so bewegt. Dass dich die schützenden Burgmauern haben zur Ruhe kommen lassen.

Dass dir diese Augenblicke unheimlich viel Gelassenheit schenken.

Und dass deinem Geist dieses Loslassen guttut, er völlig achtsam im Hier und Jetzt sein kann.

Du weißt, dass das Leben es gut mit dir meint und du diese Geborgenheit und Zuversicht mit in deinen Alltag nehmen kannst, in dem sie dir so häufig fehlen.

Blicke ein letztes Mal über das vor dir liegende Tal hinweg. Lausche ein letztes Mal auf den Wind, der die Blätter links und rechts von dir zum Rascheln bringt.

Spüre nochmals die starken Steinmauern dieser Festung, die stolz jeder Herausforderung trotzen, und ziehe daraus die Kraft, es in deinem Leben genauso zu machen.

(aus „Traumreise für Erwachsene“ von Gloria Wünsche)

Der Sorgenbaum

In einem Dorf stand einmal ein uralter Baum. Eines Tages wurden alle Dorfbewohner eingeladen, ihre Sorgen, Probleme und Nöte gut verpackt an diesen Baum zu hängen. Die Bedingung war jedoch, dass sie ein anderes Paket mitnehmen.

Und so geschah es auch. Zu Hause wurden die fremden Pakete geöffnet. Doch es machte sich Bestürzung breit. Die Sorgen und Probleme der anderen schienen viel größer zu sein als die eigenen!

Und so liefen alle wieder zurück zu dem alten Baum. Sie nahmen statt der fremden Pakete wieder ihre eigenen, hängten die fremden wieder an den Baum und gingen erleichtert zurück nach Hause.

(aus "Die spirituelle Schatzkiste" von Arjuna P. Nathschläger)


Kein Mensch ist ohne Probleme. Oft denken wir, dass keiner so viele und so große Sorgen hat wie wir. Dem wachen Menschen öffnen sich hier zwei Erkenntnisse: Auch andere Menschen haben Probleme, meist noch viel größere als unsere eigenen. Und: Jedes Problem birgt in sich ein großes Potential, geistig-spirituell zu wachsen.

Tausend Spiegel

Ein Hund hatte von einem ganz besonderen Tempel gehört: Es war der Tempel der tausend Spiegel. Der Hund wusste nicht, was ein Spiegel war, aber es hörte sich lustig an und so machte er sich auf den Weg.

Beim Tempel angekommen, lief er die Treppen hinauf, öffnete das Tor und trat ein. Da sahen ihm aus tausend Spiegeln tausend Hunde entgegen. Und er freute sich und wedelte mit dem Schwanz. Da freuten sich in tausend Spiegeln tausend Hunde und wedelten auch alle mit dem Schwanz! Der Hund dachte sich: Die Welt ist voller glücklicher und zufriedener Hunde. Und von nun an kam er jeden Tag in den Tempel der tausend Spiegel.

An diesem Nachmittag kam ein anderer Hund zu dem Tempel. Auch er lief hinauf und trat ein: Da sahen ihm aus tausend Spiegeln tausend Hunde entgegen. Der Hund bekam große Angst , knurrte und zog den Schweif ein. Da knurrten aus tausend Spiegeln tausend Hunde und zogen auch alle ihren Schweif ein. Und der Hund dachte sich: Die Welt ist voller böser, knurrender Hunde. Und er kam niemals wieder in den Tempel der tausend Spiegel.

Diese Geschichte hat zwei Lehren: Zum einen, dass wir das erhalten, was wir geben. „Wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück“, so lautet ein Sprichwort, dessen Umkehrung man so ausdrücken könnte: „Gib, was du bekommen willst!“.
Zum anderen, dass die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ein Spiegel unseres Denkens ist: Wir können hineinsehen und uns darin erkennen. Sehen wir genau hin.

(aus "Die spirituelle Schatzkiste" von Arjuna P. Nathschläger)

Auch dies wird sich ändern

Ein Mann hinterließ seinen beiden Töchtern ein bescheidenes Vermögen; es war gerecht verteilt und er hatte klar bestimmt, was jede erhalten sollte. Nur über eine kleine Schatulle mit zwei Ringen hatte er nicht verfügt. Ein Ring war sehr wertvoll und mit einem großen Diamanten verziert, der andere ein schlichter Silberring.

Die ältere Schwester sagte: „Offensichtlich ist mir als der älteren der Diamantring bestimmt und dir der andere.“ Die jüngere Schwester war bescheiden und wollte nicht streiten. So nahm sie den Silberring.

Jede von den beiden ging ihren Weg. Während die ältere Schwester unter den Folgen ihrer Habgier und großen materiellen Ansprüche zu leiden hatte, lebte die jüngere ein einfaches und zufriedenes Leben. Sie trug auch den Silberring stets bei sich und eines Tages sah sie den Ring genauer an. Sie entdeckte eine kleine Inschrift an der Innenseite des Rings: „Auch dies wird sich ändern.“ stand da geschrieben. Sie erkannte sogleich die große Weisheit dieser Inschrift und je mehr sie sich in jeder Situation, ob angenehm oder unangenehm, deren Vergänglichkeit bewusstmachte, desto ausgeglichener und zentrierter wurde sie und erfuhr in ihrem Leben sich stets vertiefenden Frieden.

Schwamm sie oben auf der Welle des Glücks, so konnte sie es doch genießen, war sich dabei aber immer bewusst, dass wieder Regentage kommen würden. Und wenn sie sich krank oder einsam fühlte, dann wusste sie: „Auch dies wird sich ändern!“
Dies ist eine tiefe Weisheit des Buddha: Wenn wir im Glück den Keim des Unglücks und im Schmerz das Potential der Freude erkennen, so können wir sowohl den Augenblick bewusst erfahren, als auch vermeiden, von plötzlichen Veränderungen überrascht zu werden. Vor allem können wir durch dieses Erkennen einen Bewusstseinszustand jenseits von oberflächlicher Freude und Schmerz erreichen, einen Zustand tiefen inneren Friedens.

Etwas Weiteres können wir aus dieser Geschichte lernen: Dass die Weisheit (des Silberrings) mehr wert ist als der äußere Wert (der Diamantring). Oft trügt der Schein und das Stille, Unauffällige ist dem Glänzenden und Strahlenden überlegen!

(aus "Die spirituelle Schatzkiste" von Arjuna P. Nathschläger)


Der Baum und das Gras

Es war einmal ein großer Baum mit einem mächtigen Stamm und einer gewaltigen Krone. Schon von weitem konnte man diesen Baumriesen sehen, wie er seine gewaltigen Arme in den Himmel streckte. Er war auch sehr stolz auf sich und seine Größe und er blickte ein wenig mitleidig auf das Gras zu seinen Füßen, er, der Herr des Waldes.

Das Gras blickte staunend zu dem mächtigen Baum empor, hörte das Rauschen des Windes in seinem Laub. Das Gras war weich und biegsam und rauschte auch im Wind, aber viel, viel leiser.

Ein Sturm kam auf, und der Wind verfing sich in den Ästen und Blättern des Baumriesen, der mit aller Kraft seiner Wurzeln gerade noch standhielt, aber schon schwer zu kämpfen hatte. Das Gras bog sich bis zur Erde, und der Wind wurde immer stärker.
Dann kam eine plötzliche Windbö, es gab ein Krachen, das ebenso gewaltig war wie der stolze, hohe Baum, und langsam neigte sich der Riese, entwurzelt, zersplittert, ein Bild der Niederlage und der Zerstörung.

Der Sturm legte sich bald, und das Gras begann sich langsam aufzurichten, während der Regen sanft auf den Halmen abperlte.

(aus "Die spirituelle Schatzkiste" von Arjuna P. Nathschläger, www.yogaakademieaustria.de)


Ein Mensch, der sein Ego losgelassen hat, ist wie das kleine, bescheidene und anpassungsfähige Gras in dieser Geschichte, oder wie ein Laubbaum, der im Herbst seine Blätter fallen lässt, um den Stürmen im Herbst und Winter weniger Widerstand entgegen zu setzen: Dieser Mensch wird von den Stürmen des Schicksals weniger geschüttelt als der stolze, eingebildete Mensch, dessen Ego leicht zu verletzen ist.

Das Erblühen der Pflanze "Mensch"


Ich möchte hier einem faszinierenden und inspirierenden Gedanken Ausdruck geben, der zwar selbstverständlich und allgemein bekannt erscheinen mag, aber dennoch viel zu wenig beachtet und vor allem gelebt wird:

Jeder Pflanze, die man zur schönsten Blüte bringen möchte, sucht man das beste Umfeld, die beste Nahrung, Licht usw. zu geben, doch dem Menschen selbst…? DIESE Pflanze vegetiert oft mehr als sie lebt, mehr gleichgültig als freudvoll, mehr krank als gesund: Junk food, Bewegungsmangel, Stubenhocken, Horrorthriller, Angst, Stress - eine lange Liste.

Wenn man nun, dies erkennend, sucht und forscht nach den besten Bedingungen für das beste Gedeihen, das schönste Erblühen der Pflanze „Mensch“? Welche Nahrung braucht sie, welches Umfeld, nach welchen Werten gilt es zu leben? Kurz, wie sieht ein der Menschen Natur gemäßes Dasein aus? Diese Bedingungen zu kennen, zu erkennen und vor allem im täglichen Leben umzusetzen – das ist, was des Menschen vordringlichste Aufgabe ist.

Doch wir sind nicht die ersten, die sich diese Frage stellen – Menschen haben seit vielen hundert und tausend Jahren nach Antworten gesucht. Unter anderem in Indien … Was wir heute als Yoga kennen, IST die Antwort, IST die Erkenntnis und Beschreibung jener Bedingungen, geistigen Umfelder, Werte und Techniken, die die Pflanze „Mensch“ gedeihen und erblühen lässt. Doch wird es uns in der Anwendung des Yoga nicht so sehr um die Techniken (Asanas, Pranayamas, Meditation, Reinigungstechniken) gehen als um ein inneres Ausrichten des Bewusstseins, als um ein Betreten eines neuen geistigen Paradigmas.

Während der Mensch zumeist im Außen nach Antworten und Lösungen sucht – und das Angebot an Systemen, Heilungsansätzen und Lösungsvorschlägen ist inzwischen unüberschaubar geworden -, sollten wir danach streben, die Antworten von INNEN zu bekommen, uns auf die innere Führung einzustimmen:

Erkenne, was dich weitet, erhebt, fördert, dich zu Gesundheit, Reinheit, Schönheit und Freude führt – DEM öffne dich. Erkenne, was dich einengt, hinabzieht, dich schwer und krank macht – dem verschließe dich. Lerne es zu unterscheiden, was deiner Pflanze Leben hinzufügt, und was ihr Energie entzieht. Gleich wie du nicht in einen fauligen Apfel beißen wirst, so wirst du bei verfeinertem Bewusstsein ganz natürlich von Dingen lassen, die dir heute vielleicht verlockend erscheinen, obgleich sie deiner Gesundheit und deinem Gedeihen abträglich sind.

Gesetze, Regeln und Verbote helfen nicht, sie sind Ausdruck von Unbewusstheit – doch die innere Stimme der Weisheit und des Erkennens kennt die rechte Antwort – lerne, ihr zu lauschen und dich von ihr leiten zu lassen.

Einige Anregungen
Hier sind einige Anregungen, was deine innere Stimme der Weisheit sagen könnte:


Sei mehr im Freien
Sei viel in der Sonne, genieße den Wind, umarme die Natur – du bist Teil von ihr!


Bewege dich mehr
Laufe, wandere, verzichte mal auf den Lift, und genieße die Bewegung – der Mensch ist für Bewegung geschaffen; ohne sie „rostet“ er. Zur Bewegung mag man auch spielerische Bewegungen und das Strecken des Körpers zählen, das ja in den Yoga-Asanas systematisiert wurde – also übe Asanas, sodass sich dein Körper freut, da zu sein und sich bewegen zu dürfen!


Ernähre dich bewusster
Ernähre dich mäßig, bescheiden, achtsam und natürlich. Der Mensch ißt im allgemeinen zu viel und dazu noch Nahrung, die den Körper belastet – das Ergebnis kann man am allgemeinen Gesundheitszustand / am Übergewicht der Menschen ablesen … Spüre auch hier, was und wie viel dir gut tut, verbinde dich vor dem Essen mit deiner Nahrung – und genieße sie!


Gebet und Meditation
Bete und meditiere: Was die gute und fruchtbare Erde für die Pflanze, das ist das Verbundensein mit Gott für den Menschen. Im Gebet sprichst du mit Gott, in der Meditation spricht Gott und du hörst zu – und vielleicht gelangst du bald zu dem Punkt, an dem die Verbundenheit mit Gott da ist, OHNE die Form des Gebetes oder der formalen Meditation zu brauchen – wenn du ständig in stiller Achtsamkeit und dem Bewusstsein der Verbindung mit Gott bist, brauchst du dann noch einen Altar oder ein Meditationskissen?


Meide Stress
Stress ist Krankmacher Nr. 1 – Yoga lehrt das Loslassen und die Gelassenheit. Nicht nur durch Entspannungsübungen, sondern vor allem durch geistige Techniken und die rechte innere Einstellung wirst du stressfreier leben können – auch wenn sich dein Umfeld und die Herausforderungen deines Lebens nicht verändern.


Liebe
Liebe, gib und verstehe: Die essentielle Energie des Paradigmas des Lebens ist die Liebe und die liebevolle Verbundenheit mit dem gesamten Sein. Das ist keine schönfärberische Phantasie, sondern kann eine zutiefst lebendige Erfahrung sein, die den Menschen mit seiner wahren Natur und mit anderen Menschen verbindet. Berühre alles, was du berührst, mit Liebe, mit Achtsamkeit und Dankbarkeit. Würdige das Sein, das dich umgibt, deinen Körper und alles, was du hast. Wenn du von all diesen Vorschlägen nur diesen einen befolgst, wird sich dein Leben vollkommen transformieren!


Gierlosigkeit
Lasse Gier los – und du wirst friedvoller und stressfreier leben. Unterscheide: Brauche ich das, wonach mich gerade verlangt, wirklich oder ist es nur eine momentane Laune? Wie werde ich in einem Jahr darüber denken?


Den Kampf beenden
Beende den Kampf: Ein interessanter Aspekt des heute vorherrschenden lebensfeindlichen Paradigmas ist es, das ganze Leben als einen einzigen Kampf anzusehen und zu erfahren: Die berufliche Karriere, der Konkurrenzkampf, die Wirtschaft, Werbung, der Verkehr – überall scheint der Grundgedanke des Kämpfens vorzuherrschen. Ein alter Spruch sagt: „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“ Beziehe dies nicht lediglich auf die klassische Form des Krieges mit Kanonen und Bomben, sondern auch auf die subtileren Formen im täglichen Leben. Lasse den Kampf und das Kämpfen-Müssen los. Keine Pflanze kann in einem Umfeld des Kampfes, des Krieges gedeihen, auch nicht der Mensch.


Ans Ganze denken
Lasse, was du tust, stets gut für alle sein: Strebe in allem danach, nicht dein Ego und deine Gier zu befriedigen, sondern dich harmonisch in das Ganze einzufügen. Wenn das, was du tust, gut für alle ist, ist es auch gut für dich, auf jeder Ebene – auf der materiellen und der spirituellen!


Du brauchst keine Ferien, um all dies zu leben. Du musst nicht warten bis zum nächsten Yoga-Abend, um damit zu beginnen. Lausche deiner inneren Stimme, wo auch immer du bist, was auch immer du gerade tust. Lebe von innen her dieses Paradigma des Lebens, der Natur, des Lichts und der Liebe – dann wirst du wirklich Mensch sein, so wie er gemeint ist, dann wird die Pflanze gedeihen und erblühen!

(Text von der Seite: www.yogaakademieaustria.com)

Wie Yoga von innen nach außen kommt
Übst du regelmäßig Yoga, wirst du nach einer Weile bemerken, dass sich innere Verschiebungen auch Außen zeigen. Sie regen zum Nachdenken darüber an, wie du bestimmte Dinge in deinem Leben angehst. Vielleicht motivieren sie dich, dein Leben künftig anders zu gestalten. Regelmäßiges Yoga beschleunigt tendenziell die Art und Weise, wie sich deine Beziehungen und dein Lebensplan entwickeln. Anstatt also zehn Jahre lang in einem unbefriedigenden Job oder einer unglücklichen Beziehung festzuhängen, kann es sein, dass du das ganze Szenario nun innerhalb von zwei Jahren hinter dich bringst. Früher oder später stehen wir vor Entscheidungen, die im Inneren ausgelöst werden und die unser Leben radikal umkrempeln können. Hast du dir eine regelmäßige Praxis geschaffen, lernst du an diesem Punkt, Yoga über den Matten-Rand hinweg und mitten ins Leben zu bringen. Die Lehre unterstützt dich dabei, diese Veränderungen zu nutzen, um dein wahres Selbst zu enthüllen. Zudem hilft sie, die Angst und Verwirrung durchzustehen, die ein Lebenswandel meist mit sich bringt.

Mein treuer Freund, die Angst
Große Lebensveränderungen sind angsteinflößend. Besonders, wenn auch das Leben anderer Personen betroffen ist. Oder, wenn man nicht weiß, was einen hinterher erwartet. Allein wenn wir über eine Scheidung, einen Berufswechsel oder einen Umzug an das andere Ende des Landes nachdenken, können Existenzängste aufkommen. Diese zeigen sich oft ganz verschieden: als gesundheitliche Probleme, Albträume, Fluchtreaktionen, in übermäßigem Essen, anhaltender Unentschlossenheit oder in fluchthaften, unüberlegtem Handeln. Tatsächlich tauchen diese Ängste auch dann auf, wenn der Lebenswandel positiv ist. Studien zum Thema Stress zeigen: lebensbejahende Ereignisse wie Heirat, ein neuer Job oder eine langersehnte Chance sind ebenso stressig wie negative Veränderungen. Denk nur mal an eine Braut, die kurz vor der Zeremonie in Tränen aufgelöst zusammenbricht. Oder an einen jungen Mann, der ein vielversprechendes Stipendium in einer anderen Stadt sausen lässt, weil er seine Freunde zu Hause vermisst. Ob positive oder negative Veränderungen – sie sind mit Ängsten verbunden: Was, wenn ich andere Menschen damit verletze? Was, wenn ich die Entscheidung bereue? Diese Fragen schränken ein und lassen uns an schmerzhaften Situationen festhalten. So lange bis eine Kraft im Außen die Entscheidung für uns trifft. Yoga schenkt uns die Stärke und Einsicht, die wir bei einem entscheidenden Lebenswandel brauchen.

Ebenso wichtig wie die Yoga-Praxis sind hierfür einige yogische Grundsätze:

Das Wissen, dass wir die äußere Welt durch unsere innere Einstellung beeinflussen, dass hinter der Vielfalt des Lebens eine fundamentale Einheit liegt, dass große Kraft aus der Stille entspringt, und dass unser wahres Selbst nicht diese wandelbare, ängstliche, egobezogene Person ist, die wir manchmal zu sein scheinen.

Wende dich nach innen
An diesem Punkt wird deine Yoga-Praxis auf die Probe gestellt. Jetzt zeigt sich, wie sie dir in Zeiten des Lebenswandels dienen kann. Nicht falsch verstehen.. Die Yoga-Lehre wird dich nicht davor bewahren, dass du dich ängstlich, überfordert oder verwirrt fühlst. Aber du kannst sie nach Innen einladen, sie wie einen weisen Freund willkommen heißen, der dich durch diese Gefühle hindurch begleitet. So verlierst du dich nicht in ihnen. Vielleicht helfen dir die Weisheiten auch dabei, dass du dir mit Entscheidungen nicht so schwer tust. Im Laufe der Jahre habe ich die Angewohnheit entwickelt, mich in Zeiten des Umschwungs und der Verwirrung nach innen zu wenden und um Hilfe zu bitten. Meistens kommen dabei folgende Weisheiten ans Licht.

1. Wandel ist unvermeidbar
Die buddhistische Lehre der Vergänglichkeit, Anicca, vermittelt uns, dass alles im Wandel ist. Ständig. Wenn du das verinnerlichst, bewahrt dich das davor, in die Opferrolle zu schlüpfen. Das, was die Buddhisten als Vergänglichkeit bezeichnen, ist bei den tantrischen Yogis die sich immer verändernden Natur von Shakti. Shakti ist die dynamische Kraft und weibliche Energie. Sie manifestiert Dinge, bewahrt sie für eine Weile auf und löst sie schließlich wieder auf. Alles um uns herum ist Teil dieses natürlichen Flusses von der Entstehung über die Erhaltung bis hin zur Auflösung. Dieser Fluss findet auf makrokosmischer Ebene statt: als Wechsel zwischen den Jahreszeiten, zwischen Ebbe und Flut oder den Tageszeiten. Ebenso gibt es ihn aber auch auf mikrokosmischer Ebene: als Veränderungen in unserem körperlichen Befinden, als gute und schlechte Zeiten in unserem Leben und als wechselnde Gedanken und Emotionen. Sobald du den Lebenswandel als selbstverständlich  erkennst, wird es dir leichter fallen, der Veränderung zu begegnen, vielleicht sogar mit ihr zusammenzuarbeiten.

2. Sehe die Veränderung als Prozess der Initiierung
Früher war es Tradition, jede Lebensphase als Initiierung zu verstehen. Oft wurde das mit einer Zeremonie besiegelt. Es war sozusagen der Schritt ins Unbekannte. Auch heute gibt es noch Initiierungs-Erlebnisse. Vielleicht sogar noch häufiger, als damals: der Berufs-Wechsel, der Umzug in eine neue Stadt oder die Entscheidung, nochmal zu studieren. Sie fordern uns auf, alte Gewohnheiten aufzugeben, die eigenen Fähigkeiten zu prüfen und uns für einige Zeit ins Ungewisse zu begeben. Begleitet wirst du dabei von der Veränderung. Schreitest du von einer Situation in die nächste, wirst du danach nicht mehr dieselbe Person sein. Erlebe den Übergang bewusst und sehe ihn als Chance zu wachsen. Somit schaffst du eine tiefere Beziehung zu dir selbst und zu der Welt. Dass das alles andere als leicht ist, weiß ich. Und doch birgst es die Möglichkeit, dass du dich von einem überholten Selbstbild befreien kannst und einen neuen Weg findest, du selbst zu sein. Also: Sei offen für den Lebenswandel und erlaube ihm, deinen Horizont zu erweitern. Lerne mehr über dich selbst und verschiebe deine Grenzen. Je mehr du die Veränderung als Initiierungs-Prozess akzeptierst, desto eher erkennst du darin verborgene Geschenke.

3. Meditation hilft bei Ungewissheit
Die Ungewissheit ist wohl der erschreckendste Aspekt des Wandels. Veränderung können auch Überraschungen, Rückschläge, Fehlstarts und Einbahnstraßen mit sich bringen. Das wiederum führt zu Angst, Ärger, Reizbarkeit oder Trauer. Und oft gesellt sich hier noch Ungewissheit dazu. Der Bauch verkrampft sich. Der Geist verfängt sich in einer Opfer-Rolle und malt dir schon das Worst-Case-Szenario aus. Vielleicht befürchtest du, für etwas nicht gewachsen zu sein. Was folgt ist oft die Flucht aus der Situation: Handy raus, Fernseher an, die beste Freundin anrufen und jammern. Dabei führst der wahre Weg gegen die unangenehme Ungewissheit mittendurch. Lasse das Gefühl zu und akzeptiere das Unbehagen zunächst. Kein Widerstand. Keine Erwartungen. Je länger du in der Ungewissheit verweilst, desto natürlicher und effektiver lässt du den Wandel geschehen. Meditation kommt dir hier zur Hilfe. Du hast dir schon eine regelmäßige Praxis geschaffen? Super! Denn diese führt dich zu deiner inneren Mitte. Welche Meditations-Technik du übst, entscheidest du. Das kann auch eine Atem–Übung sein oder ein Mantra, das du mehrmals wiederholst. Wichtig ist nur, dass sie dir hilft, im Moment zu bleiben.

4. Finde deine tiefsten Sehnsüchte
Die Erforschung des Selbst, Atma Vichara, ist das Kernstück im yogischen Umgang mit Veränderungen. Dabei stellst du dir Fragen wie: „Was wünsche ich mir von dieser Situation?“ Oder: „Welches Ergebnis wäre für alle Beteiligten am besten?“ Immer, wenn dir eine Antwort kommt, schreibe sie auf. Sitze anschließend eine Weile, meditiere und beobachte deinen Atem. Lausche dem Lehrer in deinem Inneren. Welchen Rat gibt er dir? Vertraue darauf, dass er dir mitteilt was du tun sollst. Komme zu deinen Fragen zurück und schreibe auch diese Antwort auf – selbst wenn sie dir seltsam vorkommen. Lese dir dann alle Antworten durch und versuche, einen roten Faden zu erkennen. Findest du deine tiefste Sehnsucht, ist es einfacher, den ersten Schritt Richtung Lebenswandel zu gehen.

5. Setze starke Intentionen
Der nächste Schritt im Lebenswandel ist, sich ein Sankalpa zu überlegen. Das ist eine klar formulierte Aussage darüber, wie du handeln willst. Wenn du ein klares Sankalpa formulierst, sprichst du die Kraft hinter deinem eigenen Willen an und richtest deinen persönlichen Willen mit dem universellen aus. Hast du ein Gefühl dafür bekommen, wie du auf deine tiefste Sehnsucht zugreifst? Dann kannst du auch ein Sankalpa finden, das im Einklang mit deinen wahren Wünschen steht. Je mehr du damit auf deinen Herzenswunsch eingehst, desto wahrscheinlicher ist eine erfolgreiche Veränderung. Zu bedenken gilt: Das Sankalpa wird sich mit der Zeit und deinen verschiedenen Lebensphasen verändern. Egal zu welchen Zeitpunkt, deine Sankalpas sollten immer in der Gegenwartsform formuliert werden. Das klare Artikulieren deiner Aussage bringt das Ziel direkt in den gegenwärtigen Augenblick. Das verleiht dem Sankalpa die überzeugende Macht, dass dein erwünschtes Ergebnis nicht erst eintreffen muss, sondern bereits existiert.
(Anmerkung: Sankalpa - Absicht, Entschlossenheit, Entschluss, Wunsch, Ziel, aber auch Gedanke und Wille.)

6. Gehe jeden Schritt zu seiner Zeit aber bleib nicht stehen
Das Herz der Yoga-Praxis ist Abhyasa – das Bemühen, das zu erreichen, was du dir vorgenommen hast. Du bist entschlossen, etwas in deinem Leben zu verändern? Dann überlege dir, welche einzelnen Schritte du dafür gehen musst. Wende hier nochmal die Technik zur „Ergründung des Selbst“ an. Schmiede einen Plan. Denke nochmal alle Aspekte durch und finde mögliche Alternativen. Das nimmt dir die Ängste. Und nun kommen wir zum Handeln. Effektives Abhyasa im Lebenswandel bedeutet, einen Schritt nach dem anderen zu machen, um sich nicht überwältigt zu fühlen. Schnell wirst du merken, dass die ersten kleinen Schritte unweigerlich zu den nächsten führen. Daraus ergeben sich neue Möglichkeiten. Wichtig ist nur, nie stehen zu bleiben.

7. Übe das Loslassen
Eine positive Nebenerscheinungen an einer Veränderung ist aus yogischer Sicht die Möglichkeit, Vairagya zu praktizieren – das Loslassen. Loslassen der Vergangenheit. Das Aufgeben der Gewohnheiten. Es geht darum, Ängste, Schmerz, eine Beziehung oder einen Job loszulassen. Das heißt nicht, dass du Dinge auf eine brutale Weise aufgeben musst nur um den Wandel zu erzwingen. Erlaube dir, den Schmerz zu erleben oder die Angst zu fühlen. Atmen dann aus und stelle dir vor, dass du das, an dem du bisher festgehalten hast, zusammen mit dem Atem gehen lässt. Oder schicke es mit einem Mantra hinaus ins Universum. Mache das zu einem kleinen Ritual, bis du das Gefühl von Befreiung spürst. Denn genau das bringt Vairagya mit sich. Meiner Erfahrung nach kann alleine die Erinnerung daran loszulassen – Augenblick für Augenblick – der Schlüssel zu einem positiven und tiefen Wandel sein.

(aus yogaworld.de-Yoga Jornal)

Der wertvolle Krug
Eine ältere chinesische Hausdienerin holte jeden Morgen zwei Krüge Wasser aus dem Fluss im Dorf. Sie legte dafür eine Holzstange über ihren buckligen Rücken und hängte an jedes Ende einen Krug.
Einer der beiden Krüge bekam eines Tages in der Mitte einen Sprung. Fortan verlor er aus diesem Riss auf ihrem Weg vom Fluss bis zum Haus die Hälfte seines Wassers. Der Krug bemühte sich nach Kräften, das Wasser in sich zu bewahren. Doch vergebens. So sehr er sich auch anspannte, stets verlor er einen Teil seiner Fracht.
Der Krug wurde sehr zornig mit sich.
So ging es ein halbes Jahr lang. Der beschädigte Krug wurde von Tag zu Tag trübsinniger. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Mit Verzweiflung in der Stimme wendete er sich an die alte Chinesin und weinte:

"Verehrte Frau, ich schäme mich so. Stets verliere ich die Hälfte des Wassers auf dem Weg. Bitte schlagt mich in Stücke, ich kann meinen Lebenszweck nicht mehr erfüllen."
Die chinesische Hausdienerin reagierte ganz anders als der Krug erwartet hätte. Liebevoll streichelte sie ihn über den Rand und bat ihn, am nächsten Morgen auf dem Rückweg vom Fluss doch einmal mit Achtsamkeit auf den Wegesrand zu blicken. Verwundert sagte ihr der Krug dies zu. Insgeheim war er sich aber sicher, dass dabei nichts herauskommen würde.
Der kaputte Krug erwachte mit dem ersten Morgenlicht. Er konnte es kaum erwarten, dass die alte Frau ihn holen und zum Fluss tragen würde.
Nun muss man zunächst wissen, dass die Hausdienerin den kaputten Krug immer auf der rechten Seite einhakte. Darum konnte der traurige Krug auf dem Hinweg zum Fluss nichts besonderes am Wegesrand feststellen.
"Geduld", beruhigte ihn die alte Frau, "Rückweg hatte ich gesagt."

Als sie sich endlich auf dem Heimweg befanden, betrachtete der Krug seine Seite des Weges ganz genau. Überall wuchsen dort farbenprächtige Blumen, Bienen und Libellen brummten und summten dazwischen herum. Wie jeden Morgen pflückte die alte Frau einen kleinen Strauß und steckte ihn vorsichtig in ihre Tasche.
Wie hatte er diese Pracht in den letzten Monaten nur übersehen können? Der Krug meinte, es läge an seinen konzentrierten Bemühungen, den Sprung zu verschließen. Er hatte einfach kein Auge für die Natur gehabt.
Am Hof angekommen fragte die alte Chinesin den Krug: "Und, ist dir etwas aufgefallen?"
"Ja, mir ist schon wieder die Hälfte des Wassers aus meinem Sprung geronnen."
"Das meine ich nicht, lieber Krug. Hast du denn die vielen Blumen nicht bemerkt."
"Doch, natürlich. Die haben mich sehr erfreut. Aber was habe ich damit zu tun?"
Die Alte lachte laut auf. "Lieber kaputter und wertvoller Krug du. Ist dir denn gar nicht aufgefallen, dass auf dem gegenüberliegenden Wegesrand nur sandiger Staub zu sehen ist? Das war früher auch auf der jetzigen Blumenseite so. Seitdem du den Sprung bekommen hast, verlierst du auf dem Rückweg immer einen Teil des Wassers auf diesen Wegesrand. Irgendwann begannen die Blumen zu wachsen ... Seit dieser Zeit ist es für mich immer eine Freude, diesen Weg entlang zu gehen.
Jeden Morgen pflücke ich einige Blumen und lege sie meinem Herrn auf den Frühstückstisch. Er ist voll des Lobes. Und das alles dank dir und deinem Sprung. Mögest du noch lange durchhalten, mein Freund."

(aus yoga-welten.de – Peter Bödeker)

Auch wenn die Dinge im Leben nicht ´mehr´ perfekt sind, können sie uns unter Umständen mit mehr Freude erfüllen als gedacht. Es gilt nur die Dinge anzunehmen. So auch mit Verletzungen, die uns das Leben zufügt. Ich bin der Meinung alle Verletzungen des Lebens können heilen, aber jede Verletzung lässt auch eine Narbe zurück.
Nun kann ich mich über die Narbe ärgern, ich kann mit ihr hadern, oder ich kann sie als Entstellung meiner Person ansehen.
Sobald ich aber mit meinen Narben Frieden schließe und sie als Teil von mir anerkenne, es vielleicht sogar schaffte, sie als individuellen Teil anzusehen, den kein anderer hat. Ja vielleicht sogar als etwas Schönes zu sehen, oder auch als Erinnerung, dass ich etwas Besonderes erleben durft, wird sich dieser Teil in mein Leben fügen. An Kraft und Angst verlieren und mich unter Umständen sogar trösten und voller dankbarer Freude erfüllen.
Alles eine Sache der Aufmerksamkeit und der Sicht auf die Geschehnisse des Lebens. Ich kam auf diese Gedanken, nachdem ich über Tattoos nachgedacht habe.